Was ist
1. Gatekeeping wird immer unsichtbarer.
Im April habe ich über die Allianz der Broligarchen mit Trump geschrieben (SMWB), im Juni über Googles Ende der klassischen Suche (SMWB), vor einer Woche über die drei Phasen des Gatekeepings: vom Redakteur zum Algorithmus zur Synthese (SMWB). Die drei Texte verbindet eine These: Jede neue Gatekeeper-Generation ist besser darin, ihre eigene Macht zu verschleiern. Eine Redaktion konnte man immerhin kritisieren, es gab ein Impressum. Einen Algorithmus hatte man mit der Zeit irgendwie zumindest ein wenig verstanden. Eine KI-Antwort hat jedoch in der Regel gar keinen Absender mehr, den man befragen könnte. Rezipient:innen bekommen, so meine Deutung dieser Entwicklung, immer weniger ein Gefühl für den Absender einer Information. Dem kann man imho nur mit Vertrauen begegnen. Mit Köpfen, die für etwas stehen, das einen mitnimmt, das einen abholt. In einer Welt voller synthetischem Lärm ist - wie bei meinem Vortrag bei der ARD im Dezember formuliert (SMWB) - das „Menschliche“ das Alleinstellungsmerkmal.
2. Wer weniger auf fremde Infrastruktur setzt, hat auf Dauer mehr Sichtbarkeit.
Eurosky (SMWB) und die KI-Suche der FAZ (SMWB) haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Aber beide beantworten dieselbe Frage von zwei ganz unterschiedlichen Seiten: Was passiert, wenn man Infrastruktur nicht mieten, sondern selbst gestalten will? Die FAZ synthetisiert nun ganz Chatbot-like Antworten aus dem eigenen Archiv. Eurosky baut eine Identitätsschicht, die niemandem gehört, der sie abschalten könnte. Beide Wetten sind langsam und deutlich weniger shiny im Vergleich zu dem, was Google oder OpenAI in nur wenigen Wochen ausrollen. Aber es ist der einzige Weg, bei dem man am Ende nicht (wieder!) mit leeren Händen dasteht, wenn die Gatekeeper die Regeln ändern.
3. Das Vakuum, das ein verschwindender Absender hinterlässt, füllt garantiert jemand anderes.
Katharina Nocun hat mir im April erklärt, warum Verschwörungserzählungen gerade jetzt so gut funktionieren (SMWB). Laut Nocun liefern sie genau das, was neue Angebote immer häufiger verweigern: einen Absender, eine Erzählung, jemanden, der angeblich Bescheid weiß. Auf den ersten Punkt bezogen bedeutet das: Je anonymer und synthetischer unsere Informationsumgebung wird, desto attraktiver wird jede Stimme, die vorgibt, noch einen Kopf und eine Adresse zu haben – selbst wenn alles erfunden oder inhaltlich völlig bodenlos ist. Das Problem: Diese Entwicklung lässt sich nicht wegregulieren. Was es braucht, sind Angebote, die auf Augenhöhe und Verbindung setzen. Denn das ist, was bleibt, wenn KI alles macht (SMWB).
4. Aber, aber: Nicht alles bricht überall gleich schnell weg.
Der Digital News Report 2026 (SMWB) hat mich daran erinnert, auch mit meiner eigenen Larmoyanz wohldosiert umzugehen. Ein zentraler Befund aus dem Report lautet schließlich: Deutschland verliert im Vergleich zu vielen anderen Ländern (looking mainly at you, USA!) kein Vertrauen in Nachrichten. Das ändert zwar nichts ganz grundsätzlich an den ersten drei genannten Punkten. Aber manche Dinge halten wohl doch einfach besser, als das große Narrativ es zulässt. Das Gespräch, das ich mit Sascha Hölig vom Leibniz-Institut für Medienforschung │ Hans-Bredow-Institut zu den deutschen Ergebnissen des Digital News Report geführt habe, wird zwar erst im Rahmen einer Serie zur Zukunft des Journalismus im Verlauf des Sommers veröffentlicht, es zeigt aber klar in eine Richtung: Das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen lässt nicht nach. Es ist nur die Frage, wie das Bedürfnis befriedigt wird.
5. KI kann Aggregation. Was am Ende trägt, ist Perspektive.
Seit April schreibe ich quasi auf dieser Kernthese alle Ausgaben. Eine KI kann sehr solide zusammenrechnen, was zwölf Quellen sagen. Oder viertausend, wenn du so ein richtig krasser Tokenmaxxer bist. KI kann aber (noch) nicht dreizehn Jahre an derselben Frage dranbleiben und dabei die eigene Meinung ändern, korrigieren, Neues hinzulernen, übergeordnete, originäre Zusammenhänge herstellen und vermeintlich Unumstößliches wieder verwerfen. Genau das ist der Teil, den Journalist:innen niemals outsourcen sollten, sei es auch noch so bequem.
🗞️ News
Trump beendet das Embargo von Anthropics neuesten Modellen Fable und Mythos. (Politico)
Die australische Regierung hat angekündigt, dass sie die Höchststrafe für Social-Media-Unternehmen, die gegen das Gesetz zum Mindestalter verstoßen, von 49,5 Millionen auf 99 Millionen AUD – also mehr als 60 Millionen Euro – verdoppeln wird. (Prime Minister of Australia)
Ende 2026 sollen bei Meta 90 Prozent aller Moderations-Jobs von KI übernommen werden. (Financial Times)
Es sieht ganz so aus, als hätte Meta ein neues Geschäftsmodell in der Pipeline: KI-Services im Abo für alle, die smarte Brillen kaufen und dann auch tatsächlich richtig nutzen wollen. (The Verge)
Tidal hat beschlossen, KI-Musik nicht zu honorieren. (Tidal, 404 Media)
Nutzt hier jemand Lumo von Proton? Wie sind denn so eure Erfahrungen damit bisher? Ich persönlich fand den KI-Chatbot oft leider so lahm, dass das Privatsphäreversprechen bei mir nicht so richtig zünden mochte. Nun könnte sich das aber ändern: Lumo 2.0 ist da. TechCrunch zufolge soll das Update deutlich schneller und mit mehr Skills ausgestattet sein.
YouTube Shorts verzichtet künftig auf den „Daumen hoch“ und setzt stattdessen auf das <3. Zudem hat Shorts jetzt einen „Clear Screen mode“, der das macht, was er verspricht: Einmal angeschaltet, läuft das Video ohne irgendwelche Texte und Buttons. Ferner können User:innen jetzt Shorts in doppelter Geschwindigkeit anschauen. Ich weiß schon, wer in meiner Familie davon exzessiven Gebrauch machen wird. (YouTube / Blog)
Instagrams Chef-Influencer-CEO Adam Mosseri spoilert ja gern mal neue Features. Aktuell geht es vor allem um die Optionen, mit denen sich „der“ Algorithmus von Instagram feintunen lässt. Doch anstatt, dass Mosseri Wohlwonnen und Liebe entgegengebracht wird, wünschen sich die User:innen nur eins: „WE JUST WANT OUR ALGORITHM TO SHOW THE PPL WE FOLLOW.“ Wer könnte es ihnen verdenken? (TechCrunch)
Nutzernamen kommen zu WhatsApp (Meta). Stellt sich also wieder einmal die Frage, wie Meta sicherstellt, dass sich niemand als jemand anderes ausgibt. Sich seinen Namen zu reservieren, könnte für prominente Köpfe ein Thema werden. Kostet Verifikation dann bald? (TechCrunch)
👀 Trends & Beobachtungen
Eine neue Untersuchung merkt an, dass ein großer Teil der Bemühungen, um Kids auf Social-Media-Plattformen besser zu schützen, schlicht nicht funktioniert. (New York Times)
Substack bietet nun auch Charts von Top-Newsletter-Creatorn außerhalb der USA an (Substack, Press Gazette). Deutschland ist allerdings nicht dabei. Dass Substack hierzulande so richtig abheben würde, sehe ich auch nach wie vor nicht. Deutschland ist mehr eine Podcast-Nation, wie mir scheint. Wenn sie wüssten…
Never tweet! Das galt schon immer und gilt erst recht für Bundeskanzler, die sich mitten in der Nacht über den „Erfolg“ der deutschen Nationalmannschaft freuen. LOL. (Tagesspiegel)
🍿 Nicht mein Job
Ich weiß nicht, wer von euch die Doku über Berti Vogts gesehen hat (ARD). Aber wenn ich mir so anschaue, was Medien und „Fans“ aktuell so ins Netz schreiben, kann ich nicht sehen, dass wir allzu viel aus der Causa Vogts gelernt haben.
Falls du noch auf der Suche nach einem Soundtrack für den Sommer bist: „Enchufada: A Lisbon Club Story“ kam gestern bei mir als Doppel-Vinyl an. Eine wunderbare Compilation mit viel Energie und Künstler:innen, die man sonst vielleicht nicht unbedingt in der Spotify-Playlist hat. (Bandcamp, Spotify, Tidal, YouTube)
Ab heute mache ich zweieinhalb Wochen Urlaub. Hier findest du den aktualisierten Erscheinungsplan. Danke, dass es dieses kleine, unabhängige Ding seit dreizehn Jahren gibt, und danke, dass du es liest. Auf bald 🚴 🏕️ ☀️