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5 Min. Lesezeit Journalismus

Der verschwindende Absender

Fünf Gedanken, die ich mit in die Sommerpause nehme.

Guten Morgen.

Deutschland ist raus, die Hitzewelle fürs Erste vorbei, die grundlegenden Probleme aber bleiben. Auch in den Medien. In der heutigen Ausgabe geht es daher um eine zentrale Beobachtung, der wir Medienschaffende mit aller Kraft begegnen müssen: Wir dürfen als sichtbare Absender nicht verschwinden.


Ich freue mich heute über Feedback, Hinweise und Reisetipps auf dem Weg in die Toskana per Reply oder via Signal: martone.01.


💡 Deep Dive

Der verschwindende Absender

 
1. Gatekeeping wird immer unsichtbarer.

Im April habe ich über die Allianz der Broligarchen mit Trump geschrieben (SMWB), im Juni über Googles Ende der klassischen Suche (SMWB), vor einer Woche über die drei Phasen des Gatekeepings: vom Redakteur zum Algorithmus zur Synthese (SMWB). Die drei Texte verbindet eine These: Jede neue Gatekeeper-Generation ist besser darin, ihre eigene Macht zu verschleiern. Eine Redaktion konnte man immerhin kritisieren, es gab ein Impressum. Einen Algorithmus hatte man mit der Zeit irgendwie zumindest ein wenig verstanden. Eine KI-Antwort hat jedoch in der Regel gar keinen Absender mehr, den man befragen könnte. Rezipient:innen bekommen, so meine Deutung dieser Entwicklung, immer weniger ein Gefühl für den Absender einer Information. Dem kann man imho nur mit Vertrauen begegnen. Mit Köpfen, die für etwas stehen, das einen mitnimmt, das einen abholt. In einer Welt voller synthetischem Lärm ist - wie bei meinem Vortrag bei der ARD im Dezember formuliert (SMWB) - das „Menschliche“ das Alleinstellungsmerkmal.

2. Wer weniger auf fremde Infrastruktur setzt, hat auf Dauer mehr Sichtbarkeit.

Eurosky (SMWB) und die KI-Suche der FAZ (SMWB) haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Aber beide beantworten dieselbe Frage von zwei ganz unterschiedlichen Seiten: Was passiert, wenn man Infrastruktur nicht mieten, sondern selbst gestalten will? Die FAZ synthetisiert nun ganz Chatbot-like Antworten aus dem eigenen Archiv. Eurosky baut eine Identitätsschicht, die niemandem gehört, der sie abschalten könnte. Beide Wetten sind langsam und deutlich weniger shiny im Vergleich zu dem, was Google oder OpenAI in nur wenigen Wochen ausrollen. Aber es ist der einzige Weg, bei dem man am Ende nicht (wieder!) mit leeren Händen dasteht, wenn die Gatekeeper die Regeln ändern.

3. Das Vakuum, das ein verschwindender Absender hinterlässt, füllt garantiert jemand anderes.

Katharina Nocun hat mir im April erklärt, warum Verschwörungserzählungen gerade jetzt so gut funktionieren (SMWB). Laut Nocun liefern sie genau das, was neue Angebote immer häufiger verweigern: einen Absender, eine Erzählung, jemanden, der angeblich Bescheid weiß. Auf den ersten Punkt bezogen bedeutet das: Je anonymer und synthetischer unsere Informationsumgebung wird, desto attraktiver wird jede Stimme, die vorgibt, noch einen Kopf und eine Adresse zu haben – selbst wenn alles erfunden oder inhaltlich völlig bodenlos ist. Das Problem: Diese Entwicklung lässt sich nicht wegregulieren. Was es braucht, sind Angebote, die auf Augenhöhe und Verbindung setzen. Denn das ist, was bleibt, wenn KI alles macht (SMWB).