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9 Min. Lesezeit Europa

Eurosky: Infrastruktur für Social Media aus Europa

Eurosky will nicht das „deutsche Facebook" werden. Es will die Straße sein, auf der künftige europäische Social-Media-Angebote fahren.

Eurosky: Infrastruktur für Social Media aus Europa

👋🏻 Neues aus der Musa

In der dritten Folge meiner neuen Gesprächsreihe habe ich mit dem Co-Lead von Eurosky, Sebastian Vogelsang, darüber gesprochen, wie ein europäisches Social Media aussehen müsste, und welche Rolle dezentrale Plattformen dabei spielen. Du findest den Podcast auf YouTube, Spotify, Apple Podcast und allen weiteren Podcast-Apps – den kompletten Überblick gibt es unter fehrensen.transistor.fm.


💡 Deep Dive

Was ist

Vergangene Woche hat Eurosky die erste Ausbaustufe seiner Infrastruktur gestartet: das Portal. Es stellt eine digitale Identität bereit, mit der sich Nutzer:innen in alle Anwendungen einloggen können, die auf dem AT Protocol basieren – dem offenen Standard, auf dem auch Bluesky läuft.

Bereits heute gehören Hunderte Apps und über 43 Millionen Bluesky-Accounts zu diesem Ökosystem, das oft als „Atmosphere“ bezeichnet wird (Eurosky / Blog). Organisiert ist die Initiative unter der niederländischen Stichting Modal, Portal und die zugehörigen Personal Data Server (kurz PDS) laufen auf Hetzner in EU-Rechenzentren.

Eurosky ist damit weniger eine klassische Plattform als eine technische Grundlage, auf der andere Dienste aufbauen. Genau dieser Infrastruktur-Charakter macht das Projekt erklärungsbedürftig.

Parallel zum Launch hat Eurosky eine Spendenkampagne gestartet. Nach zwei Tagen standen rund 10.000 von angepeilten 100.000 Euro auf dem Zähler. Was das in Relation zu US-Finanzierungsniveaus bedeutet, wird weiter unten konkret – fürs Erste genügt der Befund: Digitale Souveränität ist in Europa bislang eher Diskurs als Realität.

Wer spricht

Sebastian Vogelsang (LinkedIn, @sebastian.eurosky.social) ist Mitgründer und neben Sherif Elsayed-Ali Co-Lead von Eurosky. Seit fast 20 Jahren baut er Apps, oft mit einem Schwerpunkt auf Barrierefreiheit. So entwickelte er zunächst einen barrierefreien Bluesky-Client, aus dem sich dann wiederum Flashes ergab, eine visuell orientierte Alternative zu Instagram auf dem AT Protocol. Dieser Prozess führte ihn dorthin, wo viele erst über Konferenzen und Positionspapiere hinkommen: zur Einsicht, dass Europa nicht noch ein X oder Facebook braucht, sondern die Schicht darunter.

Zum Podcast

FEHRENSEN: Analysen zur digitalen Öffentlichkeit | Eurosky: Der Versuch, Plattformmacht aufzubrechen | Sebastian Vogelsang
„Warum gibt es eigentlich kein Social Media aus Europa, das eine ernsthafte Rolle spielt? Nicht, weil uns Talent oder Geld fehlen, sondern weil wir seit 15 Jahren versuchen, das zu bauen, was es sc…

Meine wichtigsten Notizen aus dem Gespräch

Es geht um Infrastruktur, nicht um Apps – und das ist genau das Problem.

Vogelsangs zentrale These: Die letzten 15 Jahre sind voll mit Versuchen, „das neue Twitter" oder „das deutsche Facebook" zu bauen. Keiner hat skaliert, weil einzelne Apps nie gegen die kapitalintensive Maschinerie aus den USA und China ankamen. Eurosky dreht die Logik um: Nicht ein konkurrierendes Produkt bauen, sondern die gemeinsame Infrastruktur bereitstellen, auf der hunderte europäische Apps entstehen können – inklusive Account-Management, Moderation und Content-Distribution. Die Analogie: Verkehrsregeln und Straßen. AT Protocol liefert die Verkehrsregeln, Eurosky baut die Straßen, andere bauen die Autos. Das ist nicht nur ein Bild, sondern ein Statement zum Geschäftsmodell: Der Monolith Meta soll in seine Module zerlegt und diese Module demokratisiert werden.

Das Protokoll ist das Feature – auch wenn es niemand hören will.

Man habe Vogelsang geraten, nicht über Protokolle zu sprechen, „weil Protokolle Leute langweilen“. Genau darin liegt das strategische Problem: Wer heute auf Instagram postet, überlässt Meta Reichweite, Kontext und Publikum. Wer auf einer AT-Protocol-App postet, publiziert in einem offenen sozialen Graphen, der über mehrere Apps hinweg nutzbar bleibt. Aus Plattform-Lock-in wird Content-Portabilität.

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