Guten Morgen.
Berlin war wirklich toll: Schlange stehen für das weltbeste Pistazieneis, eine Runde mit Simon spazieren und über Mediengründungen sprechen, meinen Kids den Bundestag zeigen, eine Rentner-mäßige Fahrt auf der Spree, alte Schulfreunde am Lausi treffen, über den Dächern der Stadt sitzen und Fußball schauen. Trotzdem freue ich mich sehr, wieder in meinem ruhigen Büro in Göttingen zu sitzen und die 1105. Ausgabe meines Newsletters zu droppen.
Heute beschäftige ich mich mit Googles Wandel von der Such- zur Antwortmaschine. Nachdem ich mir die Keynote angeschaut und den Applaus fürs Tokenmaxxing verdaut habe, bin ich mir allerdings wirklich nicht mehr so sicher, ob wir Medienschaffenden auch nur im Ansatz darauf vorbereitet sind, was da auf uns zukommt.
Ich freue mich über Feedback, Hinweise, Memes und qualifizierte Tipps, wer Weltmeister wird, per Reply oder via Signal: martone.01.
💡 Deep Dive
Google beerdigt die klassische Suche
Was ist
Am Samstag spreche ich beim Forum Schule über die Frage „Wer kontrolliert die Öffentlichkeit? Wie Tech-Konzerne die öffentliche Meinungsbildung beeinflussen".
Wie Google zu dieser Frage steht, hat der Konzern auf seiner Entwicklerkonferenz I/O Ende Mai unmissverständlich klargemacht: Google liefert dir künftig nicht mehr nur eine Liste möglicher Antworten – Google ist die Antwort (Google Blog, Keynote bei YouTube).
Und auch wenn die Konferenz nun bereits zwei Wochen her ist: Jetzt, wo der erste Hype verflogen ist, wird mir die Tragweite der Ankündigungen erst so richtig bewusst.
Neben allerlei Geraune um Benchmarks, unvorstellbare Investitionsausgaben und Funktionen, die erst in ein paar Monaten eine Rolle spielen werden, gibt es eine Sache, die uns alle sofort beschäftigen muss: Googles neue Suche.
Das Unternehmen selbst nennt es die größte Änderung an der Such-Box seit über 25 Jahren. Doch was oberflächlich als reines Feature-Update betrachtet werden könnte, ist ein radikaler Umbau der digitalen Infrastruktur.
Was Google präsentiert hat:
- AI Overviews und AI Mode sind faktisch Google Search. Die generierte Antwort plus Rückfrage im Chat wird zum Normalfall, die klassische Linkliste zur Ausnahme. Das drängt Quellenverweise an den Rand, statt sie zur tragenden Struktur der Antwort zu machen.
- Generative UI mit Agentic Coding beantwortet Suchanfragen künftig mit individuell erzeugten Diagrammen, Grafiken, Fotos und Videos. Wer braucht da noch ein journalistisches Angebot, dessen Inhalte kaum bis gar nicht personalisiert sind?
- Ask YouTube liefert die passenden Video-Ausschnitte zur Frage, sodass man kein ganzes Video mehr schauen muss. Was aber womöglich dann auch die Viewtime der Videos drastisch reduziert und somit die Einnahmen professioneller Videoproduzenten minimiert.
- Gemini Omni produziert Outputs aller Art. Video ist nur der Anfang. Aber was für einer! Cutter, Videographen, Motion-People, Beleuchter, Location-Scouts, Models, Schauspieler, Caterer... We can hear you cry!
- Gemini Spark sortiert die „wichtigsten" Informationen und arbeitet als persönlicher Agent – auch im Postfach. Wer Google vertraut, gibt Spark Zugang zu Gmail, Kalender, Fotos, Rechnungen, Docs, etc. Der persönliche AI-Agent navigiert dich dann nimmermüde durch dein (digitales) Leben.
Warum das wichtig ist
Man kann diese Entwicklungen belächeln, beklagen oder verteufeln. Aber der Erfolg gibt dem Konzern recht. Auf der I/O machte Google mit brutalen Zahlen klar, dass die KI-Wende längst vollzogen ist: AI Overviews verzeichnet bereits 2,5 Milliarden monatliche Nutzer:innen, der AI Mode über eine Milliarde (wobei sich die Anfragen jedes Quartal verdoppeln) und die Gemini-App steht bei über 900 Millionen User:innen.