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9 Min. Lesezeit Verschwörungen

Wem Verschwörungserzählungen wirklich nutzen

Ein Gespräch mit Katharina Nocun über Kontrollverlust, Remix-Kultur und die strategische Nutzung von Verschwörungserzählungen durch autoritäre Akteure.

Wem Verschwörungserzählungen wirklich nutzen

👋🏻 Neues aus der Musa

Kurz eine kleine Nachfrage zu den vergangenen Ausgaben: Sind alle Newsletter wie üblich im Postfach gelandet? Oder gab es Schwierigkeiten bei der Zustellung? Ich hatte einige Direktnachrichten dazu erhalten und wollte nun einfach mal sichergehen, dass mein Newsletter nicht hundertfach im Spam-Ordner landet. Was immer hilft: Die Adresse briefing@socialmediawatchblog.de in die vertrauenswürdigen Kontakte aufnehmen. Danke!

In der vierten Folge meiner neuen Gesprächsreihe spreche ich mit Katharina Nocun über Verschwörungserzählungen. Mich interessiert das Thema sehr - leider nicht nur aus beruflichen Gründen. Ich hoffe, du kannst mit dem Gespräch auch etwas anfangen. Falls ja, teile es gern mit Freunden und Bekannten. Du findest das Gespräch auf YouTube, Spotify, Apple Podcast, Overcast und allen weiteren Podcast-Apps – den kompletten Überblick gibt es unter fehrensen.transistor.fm.

FEHRENSEN: Analysen zur digitalen Öffentlichkeit | Wie Verschwörungstheorien funktionieren – und wem sie nutzen | Katharina Nocun
Verschwörungstheorien funktionieren – und genau das macht sie gefährlich.Sie geben Menschen Halt, Identität und das Gefühl, die Wahrheit durchschaut zu haben. Und sie nutzen autoritären Akteuren, w…

💡 Deep Dive

Was ist

Nach den Schüssen beim Gala-Dinner in Washington konnte man sich einmal mehr vor Verschwörungserzählungen kaum retten. Vor allem eine Frage stand dabei im Zentrum: War es eine False-Flag-Operation, damit Donald Trump die Zustimmung zum Bau seines neuen Ballsaals erhält? Was vor wenigen Jahren noch heftige Gegenreaktionen ausgelöst hätte, wundert heute kaum noch jemanden (Garbage Day).

Mit der zweiten Trump-Administration im Weißen Haus, dem öffentlichen Schulterschluss zentraler Plattform-CEOs mit der neuen US-Regierung und einer aufgeheizten Debatte rund um die Epstein-Files erleben wir, wie verschwörungsideologische Erzählungen aus Nischen in den politischen Mainstream wandern. Was vor fünf Jahren noch QAnon-Telegram war, ist heute Regierungssprech.

Und nicht nur in den USA. Daten zur Bundestagswahl 2025 zeigen: Falschbehauptungen über angeblichen Wahlbetrug und eine geplante Annullierung der Wahl wurden millionenfach gesehen (CeMAS-Report „Autoritäre Strategien im Netz“).

Ich wollte von einer Person, die das Feld seit Jahren beobachtet, wissen: Wie funktionieren diese Erzählungen? Warum verfangen sie? Und welche Rolle spielen Plattformen, KI und politische Akteure dabei?

Wer spricht

Katharina Nocun ist Politikwissenschaftlerin und Autorin. Gemeinsam mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty hat sie drei Bücher zum Thema veröffentlicht: „Fake Facts“ (2020), „True Facts“ (2021) und „Gefährlicher Glaube“ (2022). Was sie für dieses Gespräch zu einer besonders guten Stimme macht, ist nicht der Stapel Bücher von ihr auf meinem Schreibtisch, sondern die Mischung aus politikwissenschaftlicher Analyse und persönlicher Recherche in Telegram-Gruppen, in denen man eigentlich keine Zeit verbringen möchte. Nocun moralisiert nicht. Sie erklärt. Und sie redet nicht von ‚den Spinnern'. Sie nimmt das Milieu ernst genug, um es zu sezieren.

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Meine wesentlichen Notizen aus unserem Gespräch

Verschwörungserzählungen sind keine Folge des Internets. Nocun räumt mit einem Missverständnis auf, das vor allem in tech-kritischen Kreisen arg verbreitet ist: Die Annahme, soziale Medien hätten Verschwörungserzählungen erst hervorgebracht. Tatsächlich seien viele dieser Narrative jahrhundertealt. Antisemitische Schauergeschichten aus dem Mittelalter tauchen heute als QAnon-Mythen wieder auf. Auch im rechtsesoterischen Milieu kursieren viele Erzählungen seit Jahrzehnten. Wer also Verschwörungsideologien primär als Plattformproblem versteht, übersieht, dass es eine sehr alte Infrastruktur gibt (Verlage, Bewegungen, Milieus), die längst da waren, bevor TikTok existierte.