Guten Morgen aus Cannes.
Nee, ist natürlich Quatsch. Ich sitze wie immer mit gutem Kaffee und noch besserem Sound in meinem Büro in Göttingen. Weit ab von all den Cocktail-Buden, die Meta und Co für ihre exklusiven Networking-Events am Strand von Cannes aufgebaut haben.
Manchmal frage ich mich ja schon, warum ich eigentlich nicht auch an diesem Leben teilnehme und mir von Gary Vaynerchuk zurufen lasse, dass 12 Stunden Arbeit am Tag nicht genug sind, während ich genüsslich Margaritas schlürfe. Dann fällt mir aber ziemlich schnell auf, dass ich weder Margaritas noch Vaynerchuk mag und von daher völlig zurecht das mache, was ich mache: ausgeruhten, unabhängigen Journalismus.
In der heutigen Ausgabe geht es darum, wie unterschiedliche Gatekeeper-Generationen den Zugang zu Informationen verändern. Der Text war ursprünglich mal das Manuskript für einen Vortrag, den ich im Rahmen eines Seminars bei Bernhard Pörksen an der Uni Tübingen gehalten habe. Ich habe den Text für das Briefing etwas angepasst. Hier gibt es den Vortrag als Video (YouTube). Falls du mich auch für einen Vortrag gewinnen möchtest, hier gibt es alle Informationen: martinfehrensen.de/speaking.
💡 Deep Dive
Die neuen Gatekeeper: Von der Selektion zur Synthese
Ich schreibe seit dreizehn Jahren über Algorithmen und Plattformmacht. Und ich merke, dass ich zunehmend nicht mehr weiß, wer eigentlich der Absender war, wenn ich etwas lese. War das eine Redaktion, eine KI, oder eine Redaktion, die KI zum Schreiben nutzt?
Wir glauben ja gerne, dass wir im Internet die totale Informationsfreiheit haben. Aber die Wahrheit ist: Am Ende entscheidet immer irgendjemand, was wir zu sehen bekommen. Lange Zeit war das sogenannte Gatekeeping ein klassischer Filter: Jemand hat ausgewählt, was „wichtig" ist. Dieser Selektionsprozess ist aber nicht mehr der Standard. Die Auswahl dessen, was „wichtig“ ist, passiert im Hintergrund, ohne dass ein Mensch auch nur ein Wort tippt.
In meinem Vortrag zeige ich, wie wir von der Macht der Redakteure zur Macht der Algorithmen gekommen sind. Es gab dabei drei große Logikwechsel. Der Dritte verändert gerade unser Verständnis von Wahrheit, ohne dass wir es merken.
- In Phase 1 haben Menschen entschieden, was „wichtig“ ist. Eine Redaktion in einem Verlag oder einer Rundfunkanstalt.
- In Phase 2 haben Plattformen durch Algorithmen entschieden, was Sichtbarkeit erfährt.
- In Phase 3 entscheidet eine KI-Infrastruktur, was als Antwort ausgegeben wird – ein System antwortet, ohne dass ein Absender erkennbar ist.
Diese drei Phasen schließen sich nicht gegenseitig aus – sie überlagern sich. Aber jeder Wechsel hat etwas Wesentliches verändert: Wer Macht hat, wie diese Macht ausgeübt wird und vor allem: wie gut wir als Gesellschaft sie noch erkennen und hinterfragen können. Der blinde Fleck ist dabei kein Zufall. Jede neue Gatekeeper-Generation war erfolgreicher darin, die eigene Machtausübung zu verschleiern.
Phase 1: Das Pull-Web und die erkennbaren Gatekeeper
Die frühen Jahre des World Wide Web waren durch eine Pull-Logik geprägt: Wer Informationen wollte, musste sie aktiv suchen. Browser auf, Adresse eingeben, Information abrufen, Browser zu.
Das Web kannte schon damals dominante Portale wie AOL, Yahoo und t-online. Es gab SEO-Tricksereien und aggressive Bannerwerbung. Aber das Web wartete geduldig, bis du es aufgesucht hast. Es kam nicht zu dir. Du musstest hingehen.
Das entscheidende Merkmal: Es gab eine Form von kognitiver Reibung. Nutzer:innen mussten selbst entscheiden, wohin sie gehen, Quellen bewerten, aktiv wählen. Diese Reibung war keine Fehlfunktion. Sie hat dich gezwungen, selbst zu denken.
Die Gatekeeper dieser Zeit waren erkennbar. Verlage, Redaktionen, öffentlich-rechtliche Anstalten. Ihre Auswahlkriterien waren anfechtbar. Es gab ein Impressum. Es gab jemanden, an den man sich wenden konnte, über den man sich aufregen konnte. Und wenn einem das nicht reichte: Man konnte einfach woanders hingehen. Die BILD abbestellen. Den Spiegel kaufen. Marktmacht von unten.
Phase 2: Das Push-Internet und der algorithmische Feed
2007 präsentierte Steve Jobs das iPhone. Das Internet zog aus dem Arbeitszimmer in die Hosentasche. Aus gelegentlicher Nutzung wurde permanente Verfügbarkeit.
Das Smartphone ist heute das dominante Gerät für die Internetnutzung. Die meiste Zeit verbringen wir dabei jedoch nicht im offenen Web, sondern in geschlossenen Plattform-Ökosystemen – vor allem in Apps von Alphabet und Meta.
Mit dem Aufstieg von Facebook, YouTube, Twitter und Instagram entstand eine neue Infrastruktur, die ein bis dahin unmögliches Versprechen einlöste: Jeder kann sich Gehör verschaffen. YouTubes Motto „Broadcast yourself" stand exemplarisch für den Wandel von einem Pull- zu einem Push-Internet.