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10 Min. Lesezeit KI

Wenn Journalismus nur noch die Maschinen füttert

Cloudflare will das Geschäftsmodell des Internets neu schreiben, Meta schickt mit Muse seine Agenten los. Und der Journalismus droht, zum Zulieferer zu werden.

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Dobar dan am Dienstag!

Zunächst einmal vielen Dank für die zahlreichen Hinweise, dass eine Freitagsmail mit den Links der Woche keinen Mehrwert bietet. Das Experiment wird damit direkt für beendet erklärt. Der hauseigene News-Aggregator auf socialmediawatchblog.de/radar hingegen bleibt und bietet dir auch weiterhin die Möglichkeit, das zu lesen, was ich auch lese. You are welcome.

In der heutigen Ausgabe möchte ich an das anknüpfen, was am vergangenen Donnerstag Thema war: Das Internet steht, wenn es nach den führenden Tech-Unternehmen geht, vor einem epochalen Umbruch. Schon heute hat automatisierter Traffic den menschlichen laut Cloudflare-Daten überholt (The Verge). Sollten sich KI-Agenten wie Muse von Meta durchsetzen (SMWB), könnte der Bot-Traffic den Traffic von Menschen um das Tausendfache übersteigen. Das Problem: Bots klicken auf keine Anzeigen, kaufen keine Abos. Die Frage ist also, wer dann noch mit Inhalten im Netz Geld verdient.

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Martin


Was ist

In der Decoder-Folge vom vergangenen Samstag war Matthew Prince, CEO von Cloudflare, zu Gast bei Nilay Patel (The Verge). Wer wissen will, wie das Internet in ein paar Jahren aussehen könnte, sollte da unbedingt reinhören.

Die Kurzfassung:

Letzte Woche habe ich über Metas neuen KI-Assistenten Muse geschrieben (SMWB). Legt man beide Geschichten nebeneinander, ergibt sich ein ziemlich klares Bild davon, wohin die Reise geht. Und davon, was das für alle bedeutet, die im Netz Informationen anbieten, allen voran Journalist:innen.

Kurz erklärt: Was ist Cloudflare?

Cloudflare ist so etwas wie der Türsteher vieler Websites. Wer eine Seite aufruft, landet oft gar nicht direkt beim Server des Betreibers, sondern erst bei Cloudflare. Das Unternehmen prüft die Anfrage, wehrt Angriffe ab und liefert Inhalte aus einem weltweiten Netz von Rechenzentren schneller aus.

Der Basisschutz ist erstmal kostenlos, die Einrichtung dauert nur wenige Minuten, und gegen DDoS-Angriffe kann sich kaum ein kleiner Betreiber allein wehren. So sitzt Cloudflare nach eigener Angabe vor mehr als 20 Prozent des Webs.

Genau das macht Cloudflare zu einer möglichen Mautstelle des "neuen Internets". Wer alle Anfragen sieht, kann Bots erkennen, aussperren oder zur Kasse bitten. Und weil Cloudflare die Standardeinstellungen für Millionen Seiten auf einmal ändern kann, entsteht ein Hebel, den kein einzelner Verlag hätte.

Auf die Frage nach dieser Macht antwortet Prince gelassen: "It takes 30 seconds to leave." Für einzelne Kund:innen stimmt das. An der Stellung im Gesamtsystem ändert es wenig.

Das Internet, das Cloudflare kommen sieht

Prince' Diagnose in einem Satz:

"Bots don't click on ads."

Wenn der Traffic explodiert, muss irgendjemand trotzdem die Server und die Bandbreite bezahlen. Prince' Antwort ist ein System, in dem Bots für den Zugang zahlen, während Menschen die Inhalte weiterhin kostenlos oder mit Werbung bekommen. Das Geld dafür soll aus den Abos stammen, die Nutzer:innen für ihre KI-Agenten abschließen. Prince sieht hier Spotify als Vorbild. Wer besonders wertvolle Inhalte hat, etwa Nachrichten oder Forschung, soll einen Aufschlag verlangen können.

Während der Vergleich mit Spotify mehr als schwierig ist (dazu gleich mehr), kann ich sein Argument für eine Gebühr verstehen. Er nennt es eine Tragik der Allmende (Wikipedia) und erklärt es am Mittagessen:

"My AI agent today goes and scans every single menu in the local area in order to figure out what's going on."

Für den Agenten kostet das nichts, er kann also ruhig alle Speisekarten der Stadt abrufen. Für ein einzelnes Restaurant ist ein Abruf auch tatsächlich kaum der Rede wert, bei Millionen Agenten wird es aber für Hoster und große Seiten spürbar. Ein Tausendstel Cent pro Abruf, so Prince, würde diesem wilden Abgrasen Grenzen setzen.

Aber, aber: Mikrozahlungen sind so etwas wie der ewige Traum des Internets. Patel weist im Gespräch zu Recht darauf hin, dass man – die Älteren werden sich erinnern – schon Mitte der Neunziger davon geträumt hat. Durchgesetzt haben sie sich bisher nie. Was diesmal anders sein soll? Cloudflare hätte die Marktposition, es durchzusetzen.

Muse: der Agent, der die Rechnung verursacht

Erinnern wir uns an Muse, Metas neuen KI-Assistenten, den Zuckerberg vergangene Woche auf der Meta Connect auch für die Brillen angekündigt hat. Mein Beispiel aus dem letzten Newsletter: Du sagst Muse, dass du heute Abend mit der Familie italienisch essen gehen willst, und der Assistent erledigt den Rest. Das ist exakt die Szene, die Prince beschreibt, nur von der anderen Seite. Prince schaut aus Sicht der Website, Meta aus Sicht der Nutzer:innen.

Und Muse ist trotz aller Hinweise zum Thema Datenschutz (inc.com, 404 Media, ) und wirklich witzigen Verrissen (Today in Tabs) kein bloßes Gedankenspiel. In den ersten Wochen nach dem Start kam die App laut Sensor Tower auf mehr als 2,5 Millionen Downloads. In der EU gibt es sie noch nicht, der Trend dürfte aber trotzdem klar sein.

Und nach Prince' Logik schließt sich hier ein Kreis. Die Abos, die Meta für Muse verlangt (20 oder 100 Dollar im Monat), wären genau das Geld, aus dem künftig die Mikrozahlungen an Websites fließen. Meta wäre dann einer derjenigen, die an Cloudflares Mautstelle zahlen.

Was dabei aus dem Blick gerät: Meta gewinnt doppelt. Muse sammelt nicht nur Informationen aus dem Web, sondern auch über die Nutzer:innen. Wer wie viele Personen zum Essen mitnimmt, wo man wohnt, wann man bucht, wie viel man ausgibt.

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