Moin!
In der Reihe "Status-Update" blicke ich regelmäßig in die Arbeitszimmer, Tool-Stacks und Feeds von Kolleg:innen. Heute im Update: Dani Woytewicz. Die Senior Innovation Managerin im SWR X Lab und frühere Digitalchefin von 1LIVE berichtet über Innovationskultur in öffentlich-rechtlichen Strukturen, dezentrale Netzwerke und den Bau ihrer privaten Haushalts-App mittels KI.
Da ich diese Woche wegen einer Eigenbedarfskündigung (mäh!) mit meiner Familie umziehe, werde ich morgen kein reguläres Briefing verschicken können. Im Erscheinungsplan habe ich dies entsprechend vermerkt.
Martin
Wer bist du und wo kann man dich im Internet finden?
Hey, ich bin Dani und arbeite als Senior Innovation Managerin im SWR X Lab. Ich teste neue Sachen für den SWR und die ARD. Gerade baue ich zusammen mit Planet Schule einen ARD-KI-Bot für Schüler:innen. Mit funk finde ich heraus, was im Fediverse und auf Bluesky für öffentlich-rechtliche Inhalte möglich ist. Und mit der SWR Big Band und der DASDING-Redaktion tauche ich in die Anime-Welt ein und schaue, wie wir da relevant werden können.
Davor habe ich drei Jahre die Digital-Unit von 1LIVE geleitet und davor Formate für junge Zielgruppen beim WDR entwickelt (1LIVE, COSMO, funk). Insgesamt bin ich seit über 15 Jahren in Journalismus, Social Media und Formatentwicklung unterwegs. Wenn ich nicht arbeite, stehe ich meistens auf dem Basketballfeld oder treibe mich in Köln rum. Schlechte Witze gehen übrigens immer.
Hier findest du mich: Instagram, LinkedIn, Website

Was hat dich zuletzt im Netz zum Lachen gebracht?
Ich habe mal bei BuzzFeed gearbeitet (die älteren Semester erinnern sich: die Seite mit den Listicles), und seitdem liebe ich Aufzählungen:
- Ein Horror-Spiel über Projektmanagement: In The Scope Creep managst du ein verfluchtes Projekt gegen eine Deadline, die sich ständig verschiebt.
- No-as-a-Service (NAAS): Eine kleine API, die dir auf Knopfdruck kreative Absagen liefert. Für alle Situationen, in denen ein einfaches "Nein" nicht reicht: github.com/hotheadhacker/no-as-a-service.
- Ein richtig guter schlechter Witz: Was hat acht Arme und keine Lust? (Instagram)
Woran arbeitest du gerade – und was ist der Kern der Idee dahinter?
Ich arbeite gerade an vier Projekten:
- ARD-KI-Bot für Schüler:innen (mit Planet Schule): Der Bot soll nicht einfach Antworten ausspucken, sondern Schüler:innen aktiv beim Lernen unterstützen. Er soll also ein Lernbegleiter sein und keine Abkürzung für die Hausaufgaben.
- Fediverse und Bluesky (mit funk): Wir probieren aus, wie öffentlich-rechtliche Inhalte in offenen, dezentralen Netzwerken funktionieren. Wie werden wir dort sichtbar, wie bauen wir Vertrauen auf, und was interessiert die Leute dort überhaupt?
- Anime-Recherche "Generation Anime" (mit Natalie Driever): Anime-Fans sind eine riesige, sehr engagierte Community. Wir untersuchen, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk dort relevant werden kann, statt nur mitzuschwimmen. 42 Prozent der Gen Z schauen regelmäßig Anime, die DoKomi hatte 2025 rund 215.000 Besucher:innen, der Umsatz in Deutschland liegt bei circa 100 Millionen Euro (SWR).
- DASDING Anime Jam (mit der SWR Big Band und DASDING): Kein Konzert zum Zurücklehnen, sondern eine Show, bei der die Community Teil des Programms ist. Am 6. November spielt die mehrfach Grammy-nominierte SWR Big Band Anime-Soundtracks in eigens arrangierten Versionen – live in Stuttgart und auf dem Twitch-Kanal der ARD. Mit Creator:innen, Synchronsprecher:innen, Quizzen und einem Chat, der mitmischt (Moderation: Celine Jost und Raafey).
Ein übergeordnetes Thema dabei ist die digitale Markenbindung: Wie entsteht eine tiefe Bindung zu einer digitalen Marke, und wie kann man sie bewusst fördern? Das beste Beispiel war zuletzt "Tigerenten Club goes Twitch": Acht Creator:innen haben vier Stunden lang live aus dem Original-Studio in Baden-Baden für die Kinderhilfsaktion Herzenssache gespielt – inklusive interaktiver Quiz-Extension und Chat-Polls, die direkt die Spielregeln verändert haben. Unser Learning: Eine etablierte Marke funktioniert auf einer neuen Plattform, wenn man das native Nutzungsverhalten versteht und das Format nicht verbiegt.
Wenn du Analysen zu Plattformen, KI und digitalem Journalismus schätzt, kannst du dich gern für den Empfang des Newsletters kostenfrei eintragen. Hier alle Infos dazu: socialmediawatchblog.de
Was war dein größter Lernmoment der letzten Wochen?
Zwei Dinge, die eng miteinander zusammenhängen:
- Innovation ist viel weniger Ideenarbeit als Organisationsarbeit: Die Ideen waren eigentlich nie das Problem. Die meisten Projekte wurden als relevant, spannend oder strategisch sinnvoll bewertet. Die eigentlichen Diskussionen drehten sich um Zuständigkeiten, Governance, Beauftragungen, Ressourcen und Rollenverständnisse. In großen Medienhäusern sind das ohnehin oft die Engpässe. Bei Innovationen verstärkt sich das, weil die Projekte oft über Jahre durch mehrere Entwicklungsphasen und Personalwechsel laufen. Mein Learning: Es gewinnt nicht die beste Idee. Es gewinnt die Idee, bei der klar ist, wer verantwortlich ist.
- Das größte Risiko liegt oft nicht in der Entwicklung, sondern im Betrieb: Wer kümmert sich darum, wenn die Aufbauphase vorbei ist? Wer priorisiert, wer steuert? Die Entwicklung eines MVPs oder Prototyps ist nur die erste Hürde. Schwierig wird es beim Übergang in Prozesse, Rollen, Finanzierung und den Regelbetrieb. Der schmerzhafte Teil: Selbst sehr gute Ideen scheitern selten an fehlender Begeisterung. Sie scheitern daran, dass nach der Pilotphase niemand die Verantwortung für den nächsten Schritt übernehmen kann oder will. Man muss sich bei Innovationsprojekten viel früher Gedanken über den späteren Betrieb machen – nicht erst, wenn der Prototyp steht.
Wenn du noch mal bei null anfangen würdest: Was würdest du anders machen?
Ich würde meine Karriere bewusster und mit weniger Tempo angehen. Ich hatte lange das klassische Bild einer steilen Karriereleiter im Kopf: immer weiter nach oben und nach einem Ziel sofort der nächste Schritt. Heute hinterfrage ich das. Karriere muss nicht zwingend nach oben gehen. Ein Schritt zur Seite kann genauso wertvoll sein, um neue Perspektiven kennenzulernen. Und: Nach einem erreichten Meilenstein auch mal ankommen, um das Erreichte wertzuschätzen und neue Energie zu tanken.
Mit welchen Tools oder welchem Workflow arbeitest du im Hintergrund?
Bei mir gilt das KISS-Prinzip (keep it short and simple). Da ich mit vielen unterschiedlichen Redaktionen zusammenarbeite, passe ich mich an. Wir nutzen das, was für alle am besten funktioniert. Manchmal tut es eben auch ein Post-it oder ein schnödes Word-Dokument.
Welches KI-Tool nutzt du inzwischen so beiläufig, dass es dir kaum noch auffällt?
Aktuell: Lovable. Mein Freund und ich bauen damit seit ein paar Wochen für alles Mögliche eigene Web-Apps. Bisheriges Highlight: Eine eigene Haushalts-App, in der wir für erledigte Aufgaben Münzen verdienen. Am Ende der Woche rechnet die "Bank" ab, wer am reichsten ist – inklusive kleinem Preis.
Wo siehst du die größte Gefahr und die größte Chance durch KI im Journalismus
- Die Chance: Journalist:innen wieder mehr Zeit für das zu geben, worum es im Kern geht: guten Journalismus. Es gibt im Redaktionsalltag viele repetitive Aufgaben, die Zeit fressen, aber kein journalistisches Urteilsvermögen verlangen: Routinen abnehmen, Recherchequellen erschließen, Produktions- und Distributionsschritte vereinfachen. KI muss nicht den besseren Artikel schreiben. Sie sollte uns Freiräume schaffen.
- Die Gefahr: Liegt für mich weniger im Tool selbst als in unserer institutionellen Umsetzung. Wir sind stark darin, Use Cases zu testen und Pilotprojekte zu starten. Die Herausforderung ist die Verankerung: Wie kommt es nachhaltig in den Alltag? KI verlangt organisatorischen Wandel, klare Rollen und Weiterbildung. Meine Sorge ist, dass wir sehr viel ausprobieren, ohne bestehende Prozesse wirklich zu verändern – und gute Ansätze nach der Pilotphase in der Schublade verstauben.
Was hat das Netz durch Social Media gewonnen – und was verloren?
Gewonnen hat es vor allem Verbindung: Menschen mit denselben Nischeninteressen finden sich, der Austausch ist unmittelbar. Besonders für marginalisierte Gruppen ist das zentral, um sich Gehör zu verschaffen, wenn klassische Medienstrukturen wenig Raum bieten.
Verloren gegangen ist ein Stück Offenheit: Wir bewegen uns auf wenigen Plattformen in Feeds, die Algorithmen für uns sortieren. Was wir entdecken, entscheiden wir nur noch bedingt selbst. Für den Journalismus ist das ambivalent: Noch nie war es so einfach, Reichweiten aufzubauen – und gleichzeitig waren Medien noch nie so abhängig von fremden Distributionslogiken. Gute Inhalte allein genügen nicht mehr. Distributions- und Community-Verständnis sind zur Pflicht geworden.
Welche Newsletter oder Blogs liest du wirklich zu Ende?
Ich bin ein absoluter Newsletter-Junkie. Unter der Woche sammelt sich vieles, sonntags lese ich sie in Ruhe durch:
- Was war die Woche wichtig? (Eva Schulz)
- What Happened Last Week (Sham Jaff)
- Kommunikato (Katrin Gildner)
- Die Notiz (Matze Hielscher)
- Podcast-Entdecker (Bayern 2)
Wo verbringst du gerade die meiste Zeit online?
Microsoft Teams. Nicht, weil es dort besonders idyllisch ist, sondern weil dort mein Arbeits-Ökosystem lebt: Chats, Projektsteuerung, Dateien, Meetings und die unvermeidliche Nachricht um 16:55 Uhr: "Hast du kurz?"
Welche Plattform hast du zuletzt verlassen oder stark heruntergefahren?
Snapchat. Als Digitalchefin von 1LIVE war die Plattform beruflich essenziell, weil die Kernzielgruppe dort lebte. Wenn man Formate entwickelt, muss man die Umgebung selbst bewohnen. Seit meinem Wechsel ins SWR X Lab gehört Snapchat nicht mehr zur primären Zielgruppe meiner Projekte – also habe ich sie konsequent deinstalliert. Die gewonnene Screen-Time ist allerdings ziemlich direkt zu TikTok abgewandert.
Wo bleibst du bei Nachrichten dran?
Oldschool: Bei mir läuft morgens lineares Radio (1LIVE). Kurz, verständlich, auf den Punkt – funktioniert selbst beim Zähneputzen und liefert einen sauberen Überblick in den Tag.
Merkst du, wenn dir dein Smartphone nicht guttut?
Vor allem in kleinen Wartemomenten: An der Haltestelle oder in einer Schlange geht die Hand automatisch ans Handy. Ich zwinge mich inzwischen bewusst dazu, diese Momente der Langeweile auszuhalten: Fünf Minuten einfach nur dastehen, ohne Input. Das fällt erstaunlich schwer. Zweite Regel: Bei Treffen mit Menschen bleibt das Smartphone konsequent in der Tasche.
Welches Emoji benutzt du am häufigsten?
Ganz klar: 🏀.
Was ist das simpelste Ding im Netz, das dir Freude macht?
Labels im Gmail-Postfach. Farbcodierung, Kategorien, Ordnung. Simpel, aber ungemein befriedigend.
Wer aus deinem Umfeld hat das interessanteste Internet?
Marie Lina Smyrek (@smypathisch). Ich liebe ihre Analysen zu Politik und Popkultur. Ich würde zu gern wissen, wie ihr algorithmischer Feed aussieht, der als Rohstoff für diese Gedanken dient.
Das Social Media Watchblog - kurz SMWB - beobachtet seit 2013, was Plattformen mit unserer Öffentlichkeit machen. Der Newsletter erscheint wöchentlich und ordnet ein, was die Entscheidungen von Meta, Google, TikTok und OpenAI für Gesellschaft, Medien und Politik bedeuten.
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