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10 Min. Lesezeit Twitter/X

Coworking im braunen Sumpf: Warum sich die Plattform-Frage nicht moralisch lösen lässt

Casey Newton und John Gruber kehren zu X zurück. Was wie Verrat an alten Idealen wirkt, legt ein tieferes Dilemma offen: Individueller Konsumverzicht bricht keine Plattform-Monopole. Er kostet vor allem diejenigen Relevanz, die Haltung zeigen.

Salut am Donnerstag!

Heute wird es etwas persönlicher als sonst. Es geht um eine Debatte, die in den vergangenen Tagen in meiner US-Filterblase hochgekocht ist, die mich aber direkt bei meiner eigenen Arbeit hier im beschaulichen Göttingen erwischt hat. Es geht um X, um Substack und um die Frage, wie man im Jahr 2026 eigentlich noch integer publizieren kann, ohne sich selbst zur Unsichtbarkeit zu verdammen.

Martin


💡
tl;dr: Prominente US-Tech-Blogger wie Casey Newton und John Gruber kehren zu X zurück. Ihre Begründung: Wer bei KI und Tech mitreden will, kommt an Elon Musks Plattform nicht vorbei, weil die relevanten Akteure dort geblieben sind. Für Deutschland taugt diese Logik nicht. Hier regiert auf X längst der braune Sumpf. Trotzdem legt der Vorgang ein ungelöstes Dilemma offen: Individueller Konsumverzicht bricht keine Plattform-Monopole. Er kostet vor allem diejenigen Reichweite und Relevanz, die Haltung zeigen.

Die Rückkehr von Newton und Gruber zu Elon Musks X

Vergangene Woche hat Casey Newton, einer der profiliertesten Tech-Journalisten der USA, in seinem Newsletter Platformer die weiße Fahne gehisst. Drei Jahre nach seinem Ausstieg kehrt er zu X zurück. Nicht, weil die Plattform unter Elon Musk plötzlich ein besserer Ort geworden wäre – im Gegenteil: Es fühle sich für ihn an, als müsse er in einem Dixi-Klo arbeiten ("coworking inside a Port-a-Potty"). Aber, so Newton: X sei für die Debatte rund um künstliche Intelligenz schlicht alternativlos. Wer mit den Leuten aus den Frontier-Labs, den Produkt-Teams und der Policy-Szene im Gespräch bleiben und "mitmischen" wolle, könne das nicht von der Seitenlinie auf Bluesky oder Threads aus tun.

Nur wenige Tage später legte Blog-Urgestein John Gruber auf Daring Fireball nach. Allerdings ganz ohne Nasenklammern. Er sehe auf X mehr interessante Posts als auf Threads, Bluesky und Mastodon zusammen. Wer über neue KI-Tools diskutieren wolle, könne das auf X sachlich tun, während man auf Bluesky und im Fediverse sofort von Leuten angegangen werde, die jegliche KI-Nutzung für unethisch hielten. Gruber nennt X allen Ernstes "remarkably friendly and inclusive". Auch MacStories-Gründer Federico Viticci ist aus genau diesen Gründen zurückgekehrt (ticci.craft.me).

Falls du zufällig die aktuelle Folge "Haken dran" mit dem geschätzten Kollegen Karlmeier gehört hast, weißt du, wie sehr mich das alles im ersten Moment geärgert hat (youtube.com/hakendran). Falls nicht: Es hat mich sehr geärgert!

Warum Newtons Comeback auf X an meiner Ausstiegs-Strategie rüttelt

Warum aber irritiert mich die Entscheidung zweier US-Blogger eigentlich so heftig? Die ehrliche Antwort: Weil sie sich anfühlt wie ein Verrat an genau jenen Idealen, für die ich in den vergangenen Jahren geworben habe. Und für die ich auch einen spürbaren Preis gezahlt habe.

Kurz zur Erinnerung: Im Herbst 2023 hatte ich meinen eigenen Account bei X gelöscht. Im November 2024 hatten Simon und ich hier im Social Media Watchblog Robert Habecks damalige Rückkehr zu X scharf kritisiert (SMBW / "7 Gründe, warum Politik und Medien X verlassen sollten"). Unser Fazit damals:

Der beste Zeitpunkt, X zu verlassen, war vor zwei Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt.

Und erst im Mai dieses Jahres, als SPD, Grüne und Linke unter #WirVerlassenX ihren Ausstieg empfahlen, habe ich die Argumente gegen Musks "Nazi-Kneipe" hier im Newsletter noch einmal ausdrücklich bekräftigt. (SMWB)

Unsere Prämisse damals lautete: Wir stecken in einem klassischen Gefangenendilemma. Individuell mag es rational sein, wegen der Reichweite und der Kontakte auf X zu bleiben. Aber um den Sog des Netzwerkeffekts zu brechen, müssen Menschen vorangehen, das spieltheoretische Risiko auf sich nehmen und aussteigen – in der Hoffnung, dass andere folgen. Dazu hatte ich mir sogar ein eigenes 15-Punkte-Manifest für Social Media auferlegt: keine rechten Narrative durch Empörung verstärken, keine Plattformen füttern, deren primäres Ziel darin besteht, Aufmerksamkeit über Wut zu monetarisieren. (SMWB)

Ich habe das nicht nur aufgeschrieben, sondern durchgezogen:

Wenn nun Leute wie Casey Newton schreiben, sie hätten alle Alternativen ausprobiert, seien aber mit "beiden Händen auf dem Rücken gefesselt", solange sie X und Substack meiden, dann kratzt das gewaltig an meiner damaligen Theorie des Wandels. Da hilft auch nicht der Spott, den sie sich von Rusty Foster bei Today in Tabs dafür abholen müssen:

Who’s waiting to welcome them back to the Port-a-Potty? Racist programmer David Heinemeier Hansson and a lot of guys who think that "woman talking sports is super cringe." Sounds great, I'll really consider that.

Der transatlantische Trugschluss: US-Tech-Blase vs. deutsches X

Was mich an den Texten von Newton und Gruber zusätzlich schmerzt, ist eine fast nostalgische Sehnsucht. Denn was die beiden beschreiben, suggeriert, dass in den USA auf X noch genau das lebendig ist, was uns in Deutschland komplett weggebrochen ist: eine permanente Debatte über die Zukunft von Medien, Demokratie und Technologie.

Kurz zur Einordnung: Ohne das alte Twitter gäbe es das Social Media Watchblog in seiner heutigen Form nicht. Der direkte Draht zu Forschenden, das schnelle Pingpong mit Kolleg:innen, der unkomplizierte Austausch mit Menschen in Ministerien, NGOs und Redaktionen... ich habe davon über Jahre massiv profitiert.

Newton stellt in einem zweiten Text eine interessante These auf, warum sich X für ihn heute fast wieder anfühlt wie Twitter Anfang der 2010er-Jahre: Weil die breite Masse und viele linksliberale Politik-Accounts abgewandert sind, sei der sogenannte Context Collapse (also das Aufeinanderprallen völlig unterschiedlicher Publika in einem einzigen Feed: SageJournals / Alice E. Marwick and danah boyd) zurückgegangen. Die tägliche Nutzung sinke zwar, aber die Tech- und KI-Bubble sei wieder unter sich. Für Newton ein umgekehrter "ewiger September". (Platformer)

Aber, aber: Selbst wenn diese Beobachtung für eine spezifische Silicon-Valley-Nische zutreffen sollte, ist sie für den deutschsprachigen Raum komplett unbrauchbar.

Das deutsche X ist nicht das US-amerikanische X. Die kritische Masse für Fachdiskurse über Medien- oder Netzpolitik ist hierzulande schlicht nicht mehr da. Laut aktueller ARD/ZDF-Medienstudie nutzen gerade noch sechs Prozent der Deutschen X mindestens wöchentlich (SMWB). Wer sich in die deutsche Timeline wagt, landet nicht in einer gemütlichen Tech-Nische, sondern direkt im braunen Sumpf.

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Da arbeitet sich auf der einen Seite Ulf Poschardt unentwegt an allem ab, was ihm vermeintlich zu "woke" ist. Auf der anderen Seite dominiert ein enthemmtes, extrem rechtes AfD-Milieu, das Politikerinnen nicht nur im Stundentakt die Kompetenz abspricht, sondern ihnen unverhohlen den Galgen wünscht. Kulturkampf-Dauerempörung auf der einen, unverhohlener Extremismus auf der anderen Seite: Es sind am Ende nur zwei Seiten derselben Medaille – zusammengehalten von einer Plattformlogik, die Hass mit Engagement verwechselt. Und über allem thront Elon Musk, der diesem Treiben regelmäßig per Retweet persönlich Reichweite und Legitimation verschafft. In einem solchen Umfeld gibt es keinen Fachdiskurs, an dem man "mitmischen" könnte.

Das Substack-Dilemma: Reichweiten-Maschine vs. Ghost-Souveränität

Ich kann mir jetzt natürlich auf die Schulter klopfen und sagen: Cool, sollen die doch machen, dann bleibe ich halt weiter im Exil. Doch das greift zu kurz. Das Grundproblem, dass Plattform-Oligarchen toxische Inhalte als "freie Meinungsäußerung" oder schlicht als Wachstums-Treibstoff tolerieren, ist nicht auf X beschränkt.

Es lohnt ein exemplarischer Blick dorthin, wo viele von uns es sich längst gemütlich gemacht haben: auf Substack. Ich erspare dir hier die widerlichen Originalzitate im Detail, aber um die Dimension klarzumachen:

Ich bin kein Jurist, aber meiner Überzeugung nach reden wir hier nach deutschem Recht über Volksverhetzung (§ 130 StGB) und das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Selbst nach Substacks eigenen, extrem laxen Richtlinien sind Aufrufe zum Völkermord und zur Gewalt eigentlich verboten (Substack / Content Guidelines). Weil die Plattform aber auf ein proaktives Moderationssystem verzichtet und sich hinter einem radikalen US-amerikanischen "Free Speech"-Verständnis verschanzt, bleibt so etwas online, bis jemand drüber stolpert und es meldet.

Und trotzdem: Wo boomt das Newsletter-Geschäft? Wo sitzen viele der spannendsten Publizist:innen aus meiner eigenen Filterblase? Auf welche Plattform habe ich in der letzten Ausgabe mehrfach verwiesen? Auf Substack. Weil Substack längst kein reines E-Mail-Tool mehr ist, sondern über Notes und gegenseitige Empfehlungen eine verdammt effektive Discovery-Maschine gebaut hat.

Wer wie ich auf Ghost.org setzt, hat zwar volle Souveränität und finanziert keine Plattform mit, die Push-Nachrichten mit Hakenkreuz versendet (Usermag). Aber man zahlt dafür eine harte Discovery-Steuer: Seit ich Twitter verlassen habe und auf ein geschlossenes Empfehlungsnetzwerk wie Substack verzichte, ist es unendlich viel mühsamer geworden, neue Leser:innen für das SMWB zu gewinnen.

Und noch ungemütlicher wird es, wenn ich meine eigene Nutzung im Spiegel betrachte. Bin ich wirklich moralisch integer, weil ich X und Substack meide?

Doch gehören YouTube und Instagram nicht zu Alphabet und Meta? Also genau jenen Konzernen, deren Chefs sich seit Trumps zweiter Amtsübernahme genauso schamlos an die Regierung in Washington anwanzen? Musste Meta nicht gerade erst einem Milliarden-Vergleich zustimmen, weil ihre Algorithmen im Verdacht stehen, Jugendliche psychisch krank zu machen?

Die bittere Erkenntnis lautet: Ich habe mich in eine moralische Sackgasse manövriert. Ich habe geglaubt, ich könnte ein strukturelles Monopol- und Infrastrukturproblem durch individuellen Konsumverzicht lösen.

Das Plattform-Dilemma für Medien, Redaktionen und Creator

Ich habe für dieses Dilemma keine Lösung parat, die man einfach abarbeiten könnte. Eine Rückkehr zu X kann und will ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Dafür ist mein Ekel vor dem, was dort täglich passiert, viel zu groß.

Aber die Causa Newton/Gruber zwingt mich zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme:

  1. Der moralische Boykott hat die Plattformen nicht geschwächt, sondern mich. Meine Hoffnung von 2024, dass ein Ausstieg prominenter Accounts einen Dominoeffekt auslöst, der X in die Bedeutungslosigkeit stürzt, ist nur zur Hälfte aufgegangen. Ja, X ist geschrumpft und das Werbegeschäft ist eingebrochen. Aber weil es keinen vollwertigen Ersatz gibt (Bluesky schrumpft bei den täglichen Nutzer:innen sogar wieder, Threads will keine Politik, Mastodon bleibt Nische), haben diejenigen, die gegangen sind, vor allem ihre eigene Sichtbarkeit und ihren Agenda-Setting-Hebel geopfert. Ich sehe heute Leute über Themen sprechen und Reichweite ernten, zu denen eigentlich ich gehört werden möchte.
  2. Es gibt im Plattform-Kapitalismus kein "richtiges Leben im falschen". Wer den Maßstab anlegt, nur noch auf Plattformen stattzufinden, deren Eigentümer lupenreine Demokraten sind, muss das Internet abschalten. Ob Musk, Zuckerberg oder Pichai: Der Unterschied ist oft nicht die moralische Integrität, sondern nur die Lautstärke, mit der sie ihren Opportunismus vor sich hertragen. Wenn ich Instagram oder YouTube nutze, X und Substack aber ächte, betreibe ich am Ende nur selektive Hygiene.
  3. Präsenz ist nicht gleich Legitimation, aber das Umfeld färbt ab (x.com/Anil Dash). Man kann argumentieren, dass Journalist:innen eben auch an unangenehme Orte gehen müssen, wenn dort die Quellen sitzen. Aber Nilay Patels Satz gilt auch hier: Die Distribution verändert immer das, was man herstellt (SMWB). Wer sich dauerhaft in einer toxischen Arena bewegt, passt sich ihren Regeln an. Oder stumpft ab.

Ich bleibe vorerst bei meinem Setup: eigene Infrastruktur mit Ghost, offene Protokolle mit RSS, Bluesky/Eurosky und Mastodon, flankiert von den Kröten YouTube, Instagram und LinkedIn. Aber das Gefühl moralischer Überlegenheit ist mir gründlich abhandengekommen. Individueller Verzicht ist wahrlich keine Medienpolitik.

Solange wir als Gesellschaft keine echte Interoperabilität erzwingen (Stichwort: Social Graph mitnehmen), politisch dafür sorgen, Kartellrecht durchzusetzen und offene Infrastrukturen wie Eurosky nicht ernsthaft finanzieren, bleiben wir alle Gefangene zwischen zwei schlechten Optionen: Relevanzverlust im sauberen Exil oder Kollaboration mit der Broligarchie.

Dieser Artikel ist auch auf Englisch erschienen:

Returning to X: Why Platform Boycotts Failed | SMWB
Casey Newton and John Gruber are back on X. Why moral boycotts fail against platform monopolies and cost publishers their own voice and leverage.

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