Zum Inhalt springen
6 Min. Lesezeit Status-Update

Status-Update: Simon Berlin

"Status-Update" ist meine neue Rubrik, in der ich herausfinden möchte, wie andere das Internet nutzen. Heute im Update: Simon Berlin.

Mein Abo ist gerade erst "erneuert". Aus meiner Sicht einer der fundiertesten Newsletter auf dem Gebiet. - Matthias


Moin am Mittwoch!

Heute starte ich eine neue Serie: "Status-Update" ist meine neue Rubrik, in der ich herausfinden möchte, wie andere das Internet nutzen.

Wer "My Internet" von Kate Lindsay mag, sowie "People & Blogs" von Manuel Moreale und Zachary Kai schätzt, wird mit Status-Update hoffentlich auch seine Freude haben.

Die Idee ist einfach: Interessante Köpfe erzählen, wie sie das Internet nutzen. Wir alle lernen dabei hoffentlich etwas Neues kennen – ob ein Meme, ein Tool, einen Workflow, eine Website oder eine noch unbekannte Person.

Wenn du jemanden vorschlagen möchtest für die neue Rubrik, antworte mir gern direkt auf diese Mail. Den Auftakt macht heute mein alter Weggefährte Simon Berlin.

Und falls du dich fragst, ob diese Rubrik nun die regulären Briefings ersetzt. Nein, keine Sorge. Das "Status-Update" soll eine Bereicherung sein. In Zeiten, in denen wir täglich mit KI-Slop beschmissen werden, vielleicht ja ganz schön, von echten Menschen zu lesen.

Merci, Martin


Status-Update: Wie andere das Internet nutzen | Simon Berlin

Wer bist du und wo kann man dich im Internet finden?

Ich bin Simon Berlin und habe in den vergangenen Monaten fast gar nicht online stattgefunden. Bis April hätte ich auf diesen Newsletter verwiesen, der zehn Jahre lang meine digitale Heimat war, vielleicht auch auf mein Autoren-Profil bei der SZ. Im vergangenen halben Jahr habe ich mit einem kleinen, aber ganz großartigen Team den Grundstein für ein neues Medium gelegt. Während der bisherigen Gründungsphase habe ich große Plattformen komplett ignoriert. Ab sofort werde ich LinkedIn und Instagram wohl wieder häufiger nutzen, weil wir Social Media so nutzen möchten, wie es der Name suggeriert: als soziale Plattformen für Austausch und Dialog.

Simon Berlin | Copyright: Tobias Reetz

Was hat dich zuletzt im Netz zum Lachen gebracht?

Meine Frau und ich schicken uns regelmäßig Katzenvideos (manchmal auch Hundewelpen, Schildkröten oder Waschbären). Alex findet sie auf Instagram, ich auf Reddit. Da ich Instagram privat sonst fast gar nicht nutze, aber jedes Reel anschaue, das Alex mit mir teilt, ist mein gesamter Feed voll mit Katzen, die komische Dinge machen. Oft ist das wirklich lustig. Leider frage ich mich mittlerweile bei jedem Video: Ist das wirklich echt? Ich hasse KI-Slop.

Woran arbeitest du gerade und was ist die Idee / das Besondere dahinter?

Meine Mitgründer:innen und ich haben ein großes Privileg: Dank der Unterstützung unseres dänischen Partnermediums Zetland können wir ein Jahr lang zuhören, bevor wir Formate entwickeln und eine Redaktion aufbauen. In den vergangenen Monaten haben wir mit mehr als 300 Menschen über Journalismus und Demokratie gesprochen. Jetzt möchten wir den Dialog mit einer breiteren Öffentlichkeit führen, denn wir sind überzeugt: Journalismus ist ein kulturelles Gut und sollte sein Publikum einbeziehen. Dafür reisen wir bis Ende des Jahres durchs Land und suchen den persönlichen Kontakt. Wir sammeln Ideen, Wünsche und Kritik aber auch digital über diese kurze Umfrage ein.

Wie sah der Moment für euch aus, in dem aus der Idee ein echtes Projekt wurde?

Im Februar war ich bei einem Retreat in Dänemark. Es ging zwei Tage lang um Unternehmenskultur, Feedback und Leadership. Neben dem Kernteam von Zetland kamen die Gründer:innen der Partnermedien aus Finnland, Norwegen und Deutschland. Ich kannte fast niemanden und wusste trotzdem sofort: Mit diesen Menschen möchte ich zusammenarbeiten, von diesen Menschen möchte ich lernen. 

Was war dein größter Lernmoment der letzten Wochen; gern auch einer, der wehgetan hat?

Ich muss lernen, Konflikte in der Arbeit nicht mit in die Nacht und ins Wochenende zu nehmen. Das fällt mir besonders schwer bei einem Job, mit dem ich mich so sehr identifiziere. Vermutlich schaffe ich das nicht allein, sondern werde mich auf dem Weg dorthin von einem Coach begleiten lassen.

Wenn du jetzt hundert Tage nach vorn in der Zeit reisen könntest, was wäre ein Ergebnis, mit dem du sehr zufrieden wärst mit Blick auf dein aktuelles Projekt?

Anfang Januar steht unser Projekt an einem entscheidenden Punkt. Im Februar möchten wir 10.000 Menschen überzeugen, Gründungsmitglieder zu werden. Das würde es uns ermöglichen, eine größere Redaktion aufzubauen. Bis dahin möchten wir mit möglichst vielen Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven sprechen und ein besseres Gefühl dafür entwickeln, wie unser späteres Medium aussehen soll.

Moritz Klein, Ann-Kathrin Hipp, Bojan Albers, Simon Berlin | Copyright: Tobias Reetz

Mit welchen Tools oder welchem Workflow arbeitest du im Hintergrund?

Im Team arbeiten wir unter anderem mit Slack, Beehiiv, Typeform, Make, Granola, Notion und einem Google-Workspace. Privat nutze ich für meine Gedanken und Texte Obsidian sowie ein Remarkable-Tablet für handschriftliche Notizen. Meinen Tag plane ich mit Sunsama, Links landen in Raindrop, Artikel in Readwise. Medien und Blogs lese ich fast ausschließlich per RSS in Inoreader. Alle Tools laufen über MCP-Connectoren und APIs in Claude zusammen.

Wo verbringst du gerade die meiste Zeit online und warum ausgerechnet dort?

Ich verbringe erstaunlich wenig Zeit online, weil wir ein richtig cooles Büro haben und dort gern zusammenarbeiten. Im Homeoffice verteilt sich die Arbeitszeit auf Slack und Google Meet. Meine Guilty Pleasures sind Reddit und nerdige Fahrradforen.

Welche Plattform hast du zuletzt verlassen oder stark heruntergefahren? Was war der Auslöser?

Seit Twitter (für mich) tot ist, versuche ich es immer mal wieder mit Bluesky und LinkedIn. Während der Gründungsphase wurde mir klar: Meine Aufmerksamkeit möchte ich gerade lieber anderen Dingen widmen.

Wo bleibst du bei Nachrichten dran? Welche Plattformen und Angebote nutzt du dafür?

Im Mittelpunkt meines Medienmenüs steht Inoreader, mein RSS-Reader. Ich habe die Zahl der Feeds von 2500 auf 1200 reduziert, es sind aber immer noch zu viele. Manuell gebaute Filter geben mir zuverlässig Relevanzsignale, deshalb überfordert mich die Masse an Informationen selten. Trotzdem möchte ich weiter ausmisten, um weniger Zeit damit zu verbringen, Nachrichten zu überfliegen, die mich höchstens am Rande interessieren und nicht zu meinem Erkenntnisgewinn beitragen.

Was, glaubst du, wird online ständig falsch verstanden oder zu stark verkürzt?

Lange Zeit mussten Filterblasen und Algorithmen als Sündenböcke für Radikalisierung herhalten. Mittlerweile nerven mich die Diskussionen über KI. Weder “Stochastic Parrots” noch P(doom) halte ich für hilfreiche Positionen.

Was hat sich am meisten verändert, seit du zum ersten Mal online warst?

Mein Blick auf das Internet. Früher war ich überzeugt, dass Social Media und Vernetzung zu mehr Verständnis und einer offenen Gesellschaft beitragen. Ich wollte nie ein technophober Kulturpessimist werden, aber manchmal sehne ich mich insgeheim nach einem weitgehend analogen Paralleluniversum. 

Welche Newsletter oder Blogs liest du wirklich zu Ende, statt sie nur zu archivieren?

Ich liebe Newsletter, zahle für ein halbes Dutzend und lese definitiv zu viele – auch zu Ende. Neben der offensichtlichen Antwort – natürlich das Social Media Watchblog – möchte ich nachdrücklich das Internet-Observatorium von Johannes Kuhn empfehlen. Von den bislang 169 Ausgaben habe ich fast keine ausgelassen und dabei immer etwas gelernt.

Welches KI-Tool nutzt du inzwischen so beiläufig, dass es dir kaum noch auffällt?

Ich habe in Raycast rund ein Dutzend AI-Commands für alltägliche Aufgaben eingerichtet: Übersetzungen, Zusammenfassungen, Faktenchecks, Textkorrekturen. Alle liegen auf leicht erreichbaren Shortcuts, die ich oft aufrufe, ohne darüber nachzudenken. So viel zu: Ich lagere mein Denken nicht an KI aus.

Stecken wir voll im Hype oder werden wir uns noch alle verwundert die Augen reiben, wie sehr KI die Medien-Welt revolutioniert?

Wer sind “wir”? Du und ich? Die Medienbranche? Die Öffentlichkeit? Ich glaube, kaum jemand bezweifelt, dass KI die Produktion, Distribution und Rezeption von Journalismus drastisch verändert. Nur weiß gerade noch niemand, was das genau bedeutet.

Merkst du, wenn dir dein Handy nicht guttut? Was machst du dann?

Ich nutze seit Jahren Dienste wie One Sec oder Screenzen, die mich beim Öffnen bestimmter Apps und Webseiten fragen: Willst du das gerade wirklich? Diese kleine Denkpause hilft mir, Übersprungshandlungen zu vermeiden und nicht jede freie Minute damit zu füllen, meine Mails zu checken. In Meetings mit anderen Menschen lasse ich Handy und Laptop weg. Notizen mache ich auf einem Tablet von Remarkable, auf dem es sich schreibt wie mit Stift und Papier. Natürlich könnte ich auch ein analoges Notizbuch nehmen, aber mich nervt das Zettelchaos.

Welche App hat nichts mit sozialen Netzwerken oder KI zu tun, aber du könntest ohne sie nicht mehr leben?

Auch wenn Komoot an einen privaten Investor verkauft wurde: Ich plane meine Wanderungen und Radtouren sehr gern damit. Etwas komplexer, aber noch mächtiger: der großartige Bikerouter.

Was ist das einfachste Ding/Tool im Netz oder der älteste Dienst, der dir trotzdem noch Freude macht?

Die Antwort fällt mir leicht: RSS, jeden Tag aufs Neue.

Wie findest du heraus, was sich zu lesen, schauen oder hören lohnt?

Algorithmen spielen für mich fast keine Rolle, weil ich kaum Zeit auf Plattformen verbringe. Ich vertraue auf Empfehlungen von Freundinnen, Bekannten oder Menschen, deren Geschmack ich schätze. Das können Blogs oder klassische Medien sein. Für mich ist die Person, die dahintersteht, meist wichtiger als die Medienmarke.

Danke, lieber Simon! Hier kann man ihm folgen: Instagram, LinkedIn, tbd.land


Über das Social Media Watchblog

Das Social Media Watchblog - kurz SMWB - beobachtet seit 2013, was Plattformen mit unserer Öffentlichkeit machen. Der Newsletter erscheint wöchentlich und ordnet ein, was die Entscheidungen von Meta, Google, TikTok und OpenAI für Gesellschaft, Medien und Politik bedeuten.

Über fünftausend Menschen lesen den Newsletter, darunter Social-Media-Redakteure von ARD und ZDF, Policy-Teams von Google und TikTok, Referent:innen im Auswärtigen Amt, Journalist:innen, Forschende, Marketing-Profis und NGOs. 

Der Newsletter wurde für den Grimme Online Award nominiert und hat den Vocer Netzwende-Award gewonnen. Er ist werbefrei, leserfinanziert und keinem Verlag verpflichtet.

Noch kein Mitglied? Hier entlang ->