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7 Min. Lesezeit Status-Update

Status-Update: Wie Philip Siefer das Internet nutzt

Vom 3.000-Zeilen-Excel-Sheet zur App "Das Beste des Tages": einhorn-Gründer Philip Siefer über das kleinste soziale Netzwerk der Welt, KI-Workflows mit Claude, die Sehnsucht nach dem Küchentisch statt Marktplatz und den Schmerz falscher Online-Kommentare.

Moin! Während das Netz gefühlt immer lauter und ungemütlicher wird, versuchen manche das genaue Gegenteil: digitale Räume radikal zu verkleinern. Für das heutige "Status-Update" habe ich mit einhorn-Mitgründer Philip Siefer gesprochen. Wir reden über das Ritual hinter seiner neuen App mit Matze Hielscher, den bewussten Verzicht auf Wachstums-Hacks und darüber, wie viel Claude in seinem Alltag steckt.


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tl;dr: Philip Siefer (einhorn) hat gemeinsam mit Matze Hielscher die App "Das Beste des Tages" gestartet – entstanden aus einem achtjährigen Ritual mit über 3.000 gemeinsamen Excel-Einträgen. Die App versteht sich als radikaler Gegenentwurf zur Aufmerksamkeitsökonomie: Genau zwei Menschen teilen abends ihren besten Moment, ohne Werbung, Algorithmen, Likes oder externe Sharing-Buttons. Im Interview spricht Siefer über erste Kennzahlen (über 10.000 Anmeldungen), seine Tool-Praxis mit Claude und den Umgang mit Negativität im Netz.

Wer bist du und wo kann man dich im Internet finden?

Ich bin Philip Siefer: Gründer, Erfinder, Forscher, Papa, Ehemann. 2015 habe ich einhorn mitgegründet. Wir machen Design-Produkte wie Kondome und Tampons, und alles soll so fair und nachhaltig hergestellt werden, wie es geht. Seit dem 18. Oktober gibt es außerdem "Das Beste des Tages", die App, die ich mit Matze Hielscher gebaut habe.

Seit Januar habe ich eine Online-Meditationsgruppe: Manchmal sitzen wir um 5:30 Uhr mit über 600 Leuten zusammen und meditieren. Alle Infos gibt es auf meditatewith.eu.

Und wer mehr wissen will: Auf Ecosia kannst du mich googeln!

Hier findest du mich: Instagram, einhorn, Das Beste des Tages

Philip Siefer auf der Bühne.
Philip Siefer / Credit: Carisma Media

Was hat dich zuletzt im Netz zum Lachen gebracht?

@lordfarquaadseinkuseng auf Instagram. Ich liebe diesen Account.

Woran arbeitest du gerade, und was ist der Kern der Idee dahinter?

An mehreren Sachen, immer an mehreren. Das Neueste sind zwei: eine Kondom-Kooperation von einhorn mit dem FC Spandau (jawohl!) und unsere App "Das Beste des Tages", das kleinste soziale Netzwerk der Welt. Zwei Menschen schreiben sich jeden Abend, was heute das Beste war. Mehr kann sie noch nicht, aber ich habe da was von einer Fotofunktion gehört. ;)

Warum habt ihr die App gelauncht?

Weil sie uns selbst so gutgetan hat! Die großen Plattformen leben davon, unsere Aufmerksamkeit an Werbekunden zu verkaufen, und sie belohnen, was am lautesten schreit. Das tut Menschen nicht gut und Demokratien auch nicht. Wir haben das Gegenteil gebaut: einen geschützten Ort für genau zwei Menschen. Keine Likes, kein Publikum, keine Werbung. Einen Feed gibt es trotzdem, aber nur aus den eigenen Erinnerungen. Der schönste Doomscroll, den ich kenne.

Was ist die Geschichte dahinter?

Matze Hielscher und ich kennen uns seit acht Jahren, am Anfang nur flüchtig. Dann haben wir angefangen, uns jeden Abend zu schreiben, was das Beste des Tages war. In einer hässlichen Excel-Tabelle, er links, ich rechts. Inzwischen sind es über 3.000 Einträge, und aus zwei Bekannten sind enge Freunde geworden. Einmal im Jahr setzen wir uns zusammen und lesen "das Beste des Jahres". Irgendwann war klar: Das ist zu gut für Excel. Gebaut haben wir die App zusammen mit der Agentur Format D aus München. Für die Beta haben sich rund 1.400 Menschen angemeldet, am 18. Oktober 2026 ging "Das Beste des Tages" live.

Was versprecht ihr euch davon?

Erstens: dass Menschen sich jeden Abend zwei Minuten nehmen, für sich und füreinander. Eine Studie der University of Pennsylvania hat 2018 gezeigt, dass Menschen sich weniger einsam fühlen, wenn sie ihre Social-Media-Zeit begrenzen (Hunt et al. 2018). Wir glauben: Noch besser wird es, wenn man die gewonnene Zeit mit einem echten Menschen verbringt.

Zweitens: ein Modell ohne Werbung. Die App kostet 14,99 Euro im Jahr, wer zahlt, ist Kunde und nicht Produkt. Die Daten liegen auf Servern in Deutschland. Einen Teilen-Button nach außen gibt es bewusst nicht. Fürs Wachstum dumm, für die App richtig.

Drittens, ganz ehrlich: Wir wollen mitspielen! Über Meta motzen ist leicht, etwas Eigenes bauen nicht. Und wir sagen niemandem, er soll Instagram löschen. Ich bin da ja selbst jeden Tag. Wir wollen nur, dass es neben dem großen Marktplatz auch einen kleinen Küchentisch gibt.

Was sagen die ersten Zahlen?

Also wenige Tage nach dem Start sah das alles super vielversprechend aus:

Grob geschätzt haben die Leute seitdem schon über 70.000 Mal das Beste ihres Tages aufgeschrieben.

Matze Hielscher, Philip Siefer / Credit: Alex Stösslein

Was war dein größter Lernmoment der letzten Wochen?

Gemeine Kommentare, die einfach nicht wahr sind! Wirklich! Unter unserer Podcastfolge hat jemand auf Spotify einen fiesen Kommentar geschrieben. Das stimmt gar nicht, was der da sagt, und es tut trotzdem weh. Das ergibt überhaupt keinen Sinn: so viel tolle, positive Resonanz, dann kommt ein Fiesling, und es bröckelt. Die Psychologie hat dafür sogar einen Namen: Schlechtes wiegt schwerer als Gutes (Baumeister et al. 2001). Klar wusste ich das, und klar ist mir das schon öfter passiert. Aber in einem schwachen Moment lerne ich da immer wieder etwas dazu.

Wenn du beruflich noch mal bei null anfangen würdest: Was würdest du sofort anders machen?

Sofort zuerst Kinder bekommen! Alles viel weniger ernst nehmen. Nur Sachen machen, die langfristig sinnvoll und cool sind, "things where the process is the reward". Keine Um-zu-Projekte, sondern direkt das machen, was ich machen will. Nicht "später wird alles gut", sondern jetzt!

Mit welchen Tools oder welchem Workflow arbeitest du im Hintergrund?

Claude, Claude und meinem Freund Claude. Keine KI-Werbung, versprochen. Aber es ist irre und aufregend und gleichzeitig eine unfassbare Ressourcenverschwendung. Trotzdem: ja, Claude. Die ganze Pressearbeit für die App lief darüber, und diese Antworten hat Claude auch Korrektur gelesen. Die Witze sind von mir, der Text auch. Schreiben kann Claude ein bisschen, aber den Workflow "persönliche Texte" mache ich lieber selbst.

Wo entsteht bei dir das meiste: unterwegs, am Schreibtisch, im Kopf beim Laufen?

Dazwischen. Aber auch am Schreibtisch und unter der Dusche. Einmal im Jahr gehe ich eine Woche in die Stille, im Alltag meditiere ich jeden Tag eine Stunde. Da passiert erst mal nicht viel, aber danach umso mehr. Das Neue kommt irgendwie immer aus dem Nichts, nie aus dem Etwas. Genauso steht es übrigens im Tao Te Ching (Übersetzung: Stephen Mitchell, 1988):

Yet mystery and manifestations
arise from the same source.
This source is called darkness.
Darkness within darkness.
The gateway to all understanding.

Welches KI-Tool nutzt du inzwischen so beiläufig, dass es dir kaum noch auffällt?

Habe ich Claude schon erwähnt?

Wo siehst du gerade die größte Gefahr, wo die größte Chance durch KI, speziell für die Arbeitswelt?

Alles wird gut, alles wird schlecht, alles wird ganz anders, als wir denken. Die größte Chance ist, dass wir die Menschlichkeit wiederentdecken: das Leben und die Dinge, für die wir, glaube ich, eigentlich hier sind. Wenn Maschinen mehr Arbeit übernehmen, bleibt hoffentlich mehr Zeit füreinander. Dazu kommt medizinischer und wissenschaftlicher Fortschritt, der Gesundheit und Bildung so verfügbar macht wie noch nie zuvor. Die Gefahr sind Dystopie, Kontrolle, Diktatur und Tod: Waffensysteme, die selbst entscheiden, Biowaffen aus dem KI-Labor, und dass wir uns an all das gewöhnen. Wie das aussieht, sehen wir gerade überall: im Mittelmeer, im Sudan, in Gaza, in der Ukraine.

Was ist aktuell dein liebster und dein unbeliebtester digitaler Trend?

Mein unbeliebtester: diese Interviews in anonymen Google Docs, und dann zu allem ein Pro und Contra! Das ist ja der Wahnsinn! Ich hasse Pro-und-Contra-Listen. Das Leben ist keine Tabelle mit zwei Spalten (sagt der Typ, der seit acht Jahren eine Excel-Tabelle führt). Sorry, Martin ;) Mein liebster: Memes, immer. Und der schlimmste Trend überhaupt: Hass in Kommentarspalten. Das hat nichts mit freier Meinungsäußerung zu tun. Mein Vorschlag: Kommentieren nur mit verifizierter Identität. Ich glaube fest daran, dass mit Klarnamen viel weniger Hass verbreitet würde.

Die Forschung ist da übrigens nicht ganz so sicher wie ich: Eine Studie der University of Houston fand unter anonymen Zeitungskommentaren deutlich mehr Unhöfliches (Santana 2014). Eine Zürcher Studie zu Online-Shitstorms kam dagegen zu dem Ergebnis, dass Menschen unter Klarnamen teils sogar aggressiver schreiben (Rost, Stahel, Frey 2016). Wenigstens weiß ich dann, wer mich wirklich beleidigt. 

Was ist das Status-Update?

Alle 14 Tage blicke ich in dieser Rubrik in die Feeds, Tool-Stacks und Arbeitsweisen von Menschen, die digitale Räume prägen. Das Format ergänzt das Social Media Watchblog – ohne die regulären Analysen und Briefings der Woche zu ersetzen. Es ist der Blick in den Maschinenraum: Wie andere die Plattformen nutzen, welche Routinen helfen und was wir aus ihren Experimenten lernen können.

Was hat sich am meisten verändert, seit du zum ersten Mal online warst?

Ja, krass: alles! Mein Tor zur Welt hieß AltaVista. Das Modem-Geräusch! Napster! Winamp! Command & Conquer: Alarmstufe Rot! Wahnsinn! Damals war das Internet ein Ort, an den man mal ging. Heute ist es einer, aus dem man kaum noch rauskommt.

Welche Newsletter oder Blogs liest du wirklich zu Ende, statt sie nur zu archivieren?

Den von Neue Narrative mag ich sehr. Und Matzes Newsletter ist immer schön abwechslungsreich.

Wo verbringst du gerade die meiste Zeit online, und warum ausgerechnet dort?

Claude. Instagram. Ein bisschen New York Times, ein bisschen SPIEGEL. Simple.

Welche Plattform hast du zuletzt verlassen oder stark heruntergefahren? Was war der Auslöser?

Netflix. Einfach keine Lust mehr und genervt von der schrottigen Qualität vieler neuer Produktionen. Wirkt wie schlechte KI-Ideen!

Wo bleibst du bei Nachrichten dran?

KI-Zeug und viel Politisches, das ist gerade wirklich wild. Und Longevity, also alles rund ums gesund alt werden, finde ich super spannend. Am liebsten alle drei zusammen.

Merkst du, wenn dir dein Handy nicht guttut? Was machst du dann?

Meistens. Ich versuche dann freundlich zu beobachten, ob das, was ich gerade mit dem Handy mache, intelligent ist oder etwas Sinnvolles für mich erfüllt. Wenn nicht, mache ich eine Pause. Klappt manchmal. Viel dazu gelernt habe ich in Matzes Folge mit dem Psychotherapeuten Gunther Schmidt: Warum ist Burnout eine Kompetenz?

Sprachnachrichten: Liebe oder Hass?

Seit ich es "asynchrones Telefonieren" nenne: große Liebe! Ab fünf Minuten bitte ein Inhaltsverzeichnis nachreichen. Und wenn es zu langatmig wird: Claude. ;) Einfach reinziehen, transkribieren, zusammenfassen, fertig. Liebe ich. Besonders gut mit den Desktop-Versionen der Messenger!

Was ist das simpelste Ding im Netz, das dir trotzdem noch Freude macht?

Wikipedia. Seit 25 Jahren schreiben Menschen dort ohne Werbung das Wissen der Welt auf. Simpel, und immer noch ein kleines Wunder.

Wer aus deinem Umfeld hat das interessanteste Internet?

Unsere Social-Media-Managerin Nana (@godiva): diese Gaming-Welt, Twitch, virtuelle Vereine. Da komme ich noch nicht mit.

Danke, lieber Philip!


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