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5 Min. Lesezeit Medienwandel

Peak Social Media? Für Abgesänge ist es zu früh

Mal wieder sollen Zahlen zeigen, dass Menschen weniger Zeit auf Plattformen verbringen. Schön wär‘s.

Was ist

Seit Anfang Oktober macht ein Artikel der Financial Times die Runde: „Have we passed peak social media?“, fragt John Burn-Murdoch. In seiner Kolumne argumentiert er, dass die Nutzungsdauer seit 2022 sinkt. Demnach wenden sich insbesondere Jüngere von Plattformen ab.

Wir haben uns die Daten genauer angesehen und sind skeptisch. Die Antwort auf die Frage von Burn-Murdoch hängt davon ab, wie man „Social Media“ definiert – und das macht der Text leider nicht klar.

Wir fassen drei zentrale Aussagen der FT zusammen und sammeln Gegenargumente.

Was die FT über Peak Social sagt

Der Text stützt sich auf drei Datenpunkte:

1. Die Nutzungsdauer geht zurück

2. Soziale Medien werden weniger sozial

3. Die USA passen nicht ins Bild

Was unklar bleibt

Die FT stellt keine Rohdaten zur Verfügung und schreibt nur, dass die Zahlen auf Befragungen von mehr als 250.000 Erwachsenen in mehr als 50 Ländern beruhten. Das Marktforschungsunternehmen GWI habe die Analyse im Auftrag der FT durchgeführt.

Wir vermuten, dass es sich um die jährlichen Social-Media-Reports von GWI handelt, die sich nach Angabe einer E-Mail-Adresse herunterladen lassen. Ein Teil der Zahlen findet sich auch online bei DataReportal und dem Jahresbericht von We Are Social, der sich auf GWI-Daten stützt (PDF).

Sollte diese Annahme zutreffen, sind die Zahlen der FT kaum belastbar. DataReportal versieht die entsprechenden Folien mit einer Fußnote, die auf diesen Hinweis verlinkt:

Beginnend mit ihrer Forschungsstudie des vierten Quartals 2024 hat GWI erhebliche Änderungen an der Art und Weise vorgenommen, wie die für die Mediennutzungsdauer erhobenen Daten erfragt und berechnet werden. Diese Änderungen haben die von dem Unternehmen für diese Datenpunkte ausgewiesenen Werte im Vergleich zu den Werten früherer Forschungsstudien erheblich beeinflusst. Infolgedessen werden die Werte [für 2025] nicht mit den Werten für entsprechende Datenpunkte aus früheren Ausgaben der Global Digital Reports-Reihe vergleichbar sein.

Weiter unten heißt es:

Im Rahmen seiner regelmäßigen Aktualisierungen hat GWI vor Kurzem einige wichtige Überarbeitungen an seiner zugrundeliegenden Methodik vorgenommen. Diese Aktualisierungen führten im Vergleich zu ähnlichen Datenpunkten aus früheren Berichten dieser Reihe zu signifikanten Änderungen bei den Werten verschiedener Datenpunkte in unserem Bericht vom April 2023.

Zusammengefasst: Man kann die Werte bis einschließlich 2022 nicht mit den späteren Daten vergleichen. Falls sich die FT auf diese Zahlen stützt, fehlt der Hinweis auf die methodischen Änderungen.

Gehen wir mal davon aus, dass GWI und FT wissen, was sie tun, und die Daten doch vergleichbar sind. Selbst dann bleiben Fragen offen:

Bevor wir „Peak Social Media“ ausrufen, wüssten wir gern, auf welchen Daten diese These beruht.

Was gegen die These spricht

Zwei aktuelle Pew-Studien:

Auch der aktuelle Reuters Digital News Report stellt global eine steigende Bedeutung von Plattformen für Nachrichten und journalistische Inhalte fest. In Deutschland ist der Wert konstant (SMWB). Das passt zur ARD/ZDF-Medienstudie, die ein leichtes Wachstum bei Nutzungsdauer und Relevanz konstatiert.

Erst Anfang September rief John Burn-Murdoch selbst das „Das Ende der Gatekeeper“ und beschrieb, wie klassische Medien im Plattformzeitalter ihre Deutungshoheit verloren haben.

Worauf wir hinauswollen: Auch wenn die tägliche Nutzungsdauer sinken sollte, bedeutet das noch lange nicht, dass Plattformen auf dem Weg in die Irrelevanz sind. Nach wie vor kontrolliert eine Handvoll Tech-Konzerne Infrastruktur, über die zwei Drittel der Weltbevölkerung kommunizieren und interagieren.

Wo die FT recht hat

Unabhängig von der Datenqualität gehen wir bei einer Beobachtung mit: „Social“ Media stirbt. Soziale Netzwerke haben sich in Unterhaltungsplattformen verwandelt.

Bei der FT klingt das so:

In einigen Jahren werden wir vielleicht auf den September 2025 als den Zeitpunkt zurückblicken, an dem die sozialen Medien ihren Zenit überschritten und ihren Wandel rasant beschleunigt haben: vom Ort, an dem es galt, gesehen zu werden (durch einen schmeichelhaften Instagram-Filter), hin zu einem grellen Abstellgleis des Internets, bevölkert von jenen, die nichts Besseres zu tun haben.

Das ist richtig, aber alles andere als neu. Anfang des Jahres bezeichnete Lisa Hegemann Instagram, Facebook und X etwa als „asoziale Aufmerksamkeitsmaschinen“. Das trifft es gut. Ein Noema-Essay über „The Last Days Of Social Media“ geht in eine ähnliche Richtung.

Diese Entwicklung beschreiben wir und viele andere Medien seit Jahren (SMWB). TikTok und Instagram ähneln eher Netflix als Myspace. Man wischt durch einen endlosen Videofeed, soziale Verbindungen treten zumindest im öffentlichen Feed in den Hintergrund.

Kontakt zu Freundïnnen und Familie halten viele über Messenger oder Direktnachrichten. Auch dieses Phänomen ist seit Langem bekannt. Der Atlantic schrieb vor genau 13 (!) Jahren über „Dark Social“.

Gleichzeitig gewinnen neue Begegnungsorte im Netz an Bedeutung, etwa das Fediverse und Reddit. Im Juli gratulierten wir Reddit mit einer kleinen Würdigung zum 20. Geburtstag (SMWB):

Social Media ist tot? Von wegen! (…) Soziale Medien haben sich längst in Unterhaltungsmaschinen verwandelt, Algorithmen entscheiden über Sichtbarkeit, und AI Slop flutet die Feeds. Auf Reddit lebt der Traum eines basisdemokratischen Internets, in dem Menschen die Hauptrolle spielen.

Be smart

Der Erfolg von OpenAIs Sora-App zeigt, wohin die Reise geht. KI-generierte Inhalte könnten Texte, Bilder und Videos von Menschen weiter in den Hintergrund drängen. Das verwandelt Social Media endgültig in Slop-Streams.

Dieses Thema beleuchten wir in einer unserer kommenden Ausgaben ausführlich. Für den Moment empfehlen wir zwei YouTube-Videos geschätzter Creator, die deutlich machen, warum uns die Entwicklung Sorgen macht:

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