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8 Min. Lesezeit KI

Meta Ray-Ban: Ein Traum für Meta, ein Albtraum für die Privatsphäre

Millionen Menschen tragen Metas Datenstaubsauger auf der Nase spazieren. Ist das die Welt, in der wir leben wollen?

Was ist

Drei Fakten über Metas Ray-Ban-Brillen mit eingebauter Kamera und „KI“:

  1. Sie verkaufen sich hervorragend.
  2. Sie könnten Gesichtserkennung bekommen.
  3. Sie senden intime Aufnahmen an Drittunternehmen, wo Content-Moderatorïnnen unfreiwillig in fremde Schlafzimmer blicken.

Warum das wichtig ist

Vor mehr als einem Jahrzehnt scheiterte Google Glass an Datenschutzbedenken. „Glassholes“ wurde zum Schimpfwort.

Heute scheint sich die Stimmung gedreht zu haben. Millionen Menschen kaufen sich gerade Gadgets, die nicht nur ihre eigene Privatsphäre gefährden, sondern auch die ihrer gesamten Umgebung.

Uns macht diese Entwicklung aus drei Gründen große Sorgen:

  1. Smarte Brillen senden noch mehr sensible Daten an Unternehmen wie Meta und Google, die damit KI-Systeme trainieren und potenziell alles mitverfolgen können, was Menschen filmen.
  2. Die Erfahrung aus 30 Jahren Internet zeigt: Kein Server der Welt ist absolut sicher. Und offenbar braucht es nicht mal Kriminelle, Meta teilt die Aufnahmen freiwillig mit Dritten.
  3. Daten wecken Begehrlichkeiten bei Staaten und Geheimdiensten. Bereits jetzt setzen die USA Tech-Konzerne massiv unter Druck, damit diese personenbezogene Informationen herausrücken. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich dystopische Überwachungsszenarien auszumalen.

Wie intime Aufnahmen in Kenia landen

Ende Februar veröffentlichten die schwedischen Zeitungen Svenska Dagbladet (SvD) und Göteborgs-Posten (GP) eine Recherche, für die sie mit der kenianischen Journalistin Naipanoi Lepapa zusammenarbeiteten. Bereits der Titel verdeutlicht die Fallhöhe: „She Came Out of the Bathroom Naked, Employee Says

Die Eckpunkte:

Meta hat die Recherchen nicht dementiert. Wir wollten unter anderem wissen:

Darauf ist Meta nicht im Einzelnen eingegangen, sondern hat uns nur eine allgemeine Stellungnahme zugeschickt. Das Unternehmen bestätigt darin, dass Daten bei Drittanbietern landen können. Demnach prüft Meta derzeit die Vorwürfe.

Angeblich versucht man, die Aufnahmen vorher zu filtern, um die Privatsphäre der Nutzerïnnen zu schützen. Das scheint nicht besonders zuverlässig zu gelingen.

Nach allem, was wir wissen, könnten auch Nutzerïnnen in Deutschland betroffen sein. Das neueste Modell, Meta Ray-Ban Display mit integrierter AR-Anzeige und Steuerungs-Armband, ist in Europa bisher nicht erhältlich. Doch auch die ersten beiden Generationen der Meta Ray-Ban nehmen Videos auf und haben KI-Funktionen.

Was Meta plant

Im Laufe des Jahres könnte Meta für seine smarten Brillen der Marken Ray-Ban und Oakley Gesichtserkennung aktivieren. Das berichten drei Reporterïnnen der New York Times.

Auch diese Recherche dementiert Meta auf Nachfrage nicht. Damit bestätigen sich Berichte aus dem vergangenen Jahr, die uns im Mai 2025 zu einem „kleinen Rant über den größten Plattformbetreiber der Welt“ veranlassten.

Besonders pikant ist ein Satz, den die NYT aus einem internen Dokument aus Metas Reality-Labs-Abteilung zitiert. Demnach überlegt das Unternehmen seit mehr als einem Jahr, wie sich die Funktion am besten einführen lässt, die „Sicherheits- und Privatsphäre-Risiken“ mit sich bringe. Mit Blick auf die politische Situation in den USA heißt es darin:

Wir werden in einem dynamischen politischen Umfeld starten, in dem viele zivilgesellschaftliche Gruppen, von denen wir Angriffe erwarten würden, ihre Ressourcen auf andere Anliegen konzentrieren.

In unseren Worten: Die lästigen Linken sind mit Trump und ICE beschäftigt. Lasst uns das nutzen, um ein gruseliges Überwachungssystem einzuführen.

Vor knapp fünf Jahren klang das noch anders. Ende 2021 schaltete Meta seine Gesichtserkennungssysteme ab und löschte die biometrischen Daten von mehr als einer Milliarde Facebook-Nutzerïnnen. Der damalige AI-Chef Jerome Pesenti schrieb dazu:

Es gibt viele Bedenken hinsichtlich des Stellenwerts von Gesichtserkennungstechnologie in der Gesellschaft, und die Regulierungsbehörden sind noch dabei, ein klares Regelwerk für deren Einsatz festzulegen. Angesichts dieser anhaltenden Ungewissheit halten wir es für angemessen, den Einsatz von Gesichtserkennung auf eine eng gefasste Auswahl von Anwendungsfällen zu beschränken.

Ein klares Regelwerk gibt es immer noch nicht. Doch Mark Zuckerberg geht vermutlich zurecht davon aus, dass US-Präsident Donald Trump nichts gegen massenhafte Gesichtserkennung haben wird – im Gegenteil.

Für die US-Regierung könnten die Daten wertvoll sein, um die Überwachung der US-Bürgerïnnen auszubauen. Im Februar beschrieben wir, wie ICE und weitere Behörden Verträge mit Tech-Unternehmen schließen und Technologie nutzen, um einen autoritären Überwachungsstaat mit faschistoiden Zügen aufzubauen.

Eine biometrische Datenbank aus dem Hause Meta wäre ein weiteres mächtiges Werkzeug, das sich die Trump-Regierung einverleiben könnte. Casey Newton ordnet es passend ein (Platformer):

Eine Brille, die deine Freunde erkennt, bedeutete für sich genommen noch nicht das Ende der Privatsphäre, wie wir sie kennen. Doch die Arten und Weisen, wie die Technologie missbraucht werden wird, sind offensichtlich und wahrscheinlich unvermeidlich.
Meta von 2021 wusste das. Meta von 2026 bereitet sich – wie schon so oft während Trump 2.0 – darauf vor, einen großen Rückschritt zu machen.

Be smart

Trotz aller Datenschutzbedenken ist die Nachfrage gewaltig. Vergangenes Jahr verkaufte Meta mehr als sieben Millionen Exemplare der Brillen – mehr als dreimal so viele wie in den beiden Vorjahren zusammen. Kürzlich berichtete Bloomberg, dass Meta die Produktionskapazitäten bis Ende 2026 auf bis zu 30 Millionen Exemplare pro Jahr ausbauen könnte.

Diese Zahlen bestätigt Meta zwar nicht, teilt aber mit, dass man im vergangenen Jahr „signifikante Nachfrage“ gesehen habe, die über das hinausging, was man liefern konnte. Meta sei äußerst optimistisch und sehe einen großen Markt für die Brillen.

20–30 Millionen Exemplare pro Jahr entsprächen etwa dem iPhone im dritten Jahr. Das wäre kein Gadget für Early Adopter mehr, sondern ein Produkt für den Massenmarkt. John Gruber merkt dazu an (Daring Fireball):

Im Jahr 2009 habe ich ständig iPhones in der echten Welt gesehen. In den vergangenen Monaten ist mir nur ein einziger Typ aufgefallen, der die Meta Ray-Bans getragen hat. Das ist natürlich rein anekdotische Evidenz, und es ist möglich, dass ich an mehr Leuten vorbeilaufe, die diese Brillen tragen, als mir bewusst ist – schließlich sollen sie ja wie ganz normale Ray-Bans aussehen. Ich glaube nicht, dass sie annähernd das Wachstum des frühen iPhones aufweisen (…).

Wir hoffen, dass Gruber recht behält. Falls nicht, könnten sich Apps wie Nearby Glasses als digitale Notwehr eignen. Die App warnt, wenn sich Brillen der Marken Ray-Ban, Oakley und Snap in der Nähe befinden. Sie ist im Google Play Store und auf GitHub verfügbar.

Dort schreibt der Entwickler Yves Jeanrenaud:

Ich halte Smart-Glasses für einen unerträglichen Eingriff in die Privatsphäre, ein die Zustimmung missachtendes, schreckliches Stück Technologie, das bereits dazu verwendet wird, vielfältige und Unmengen an gleichermaßen wahrhaft ekelerregenden „Inhalten“ zu produzieren.
Datenbrillen wurden bereits für die sofortige Gesichtserkennung eingesetzt und könnten diese Funktion bald standardmäßig integrieren. Das bringt viele Menschen in Gefahr. Die Daten werden zum Trainieren von KI verwendet, was bedeutet, dass Menschen die Aufnahmen sichten und wahrscheinlich sehr intime Einblicke erhalten werden.
Ich hoffe, dass diese App für jemanden nützlich ist.

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Simon Berlin befasst sich seit einem Jahrzehnt mit Künstlicher Intelligenz. Inzwischen tun das alle – aber er war dabei, bevor es cool wurde. Er schreibt für die Süddeutsche Zeitung und das Social Media Watchblog. LinkedInBlueskyWebsite

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Martin Fehrensen hat das Social Media Watchblog 2012 ins Leben gerufen und ist seit 2019 hauptberuflich Herausgeber und Autor. Zuvor arbeitete er für das ZDF und „Der Spiegel“. LinkedIn | Bluesky | Website

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