Was ist
Drei Fakten über Metas Ray-Ban-Brillen mit eingebauter Kamera und „KI“:
- Sie verkaufen sich hervorragend.
- Sie könnten Gesichtserkennung bekommen.
- Sie senden intime Aufnahmen an Drittunternehmen, wo Content-Moderatorïnnen unfreiwillig in fremde Schlafzimmer blicken.
Warum das wichtig ist
Vor mehr als einem Jahrzehnt scheiterte Google Glass an Datenschutzbedenken. „Glassholes“ wurde zum Schimpfwort.
Heute scheint sich die Stimmung gedreht zu haben. Millionen Menschen kaufen sich gerade Gadgets, die nicht nur ihre eigene Privatsphäre gefährden, sondern auch die ihrer gesamten Umgebung.
Uns macht diese Entwicklung aus drei Gründen große Sorgen:
- Smarte Brillen senden noch mehr sensible Daten an Unternehmen wie Meta und Google, die damit KI-Systeme trainieren und potenziell alles mitverfolgen können, was Menschen filmen.
- Die Erfahrung aus 30 Jahren Internet zeigt: Kein Server der Welt ist absolut sicher. Und offenbar braucht es nicht mal Kriminelle, Meta teilt die Aufnahmen freiwillig mit Dritten.
- Daten wecken Begehrlichkeiten bei Staaten und Geheimdiensten. Bereits jetzt setzen die USA Tech-Konzerne massiv unter Druck, damit diese personenbezogene Informationen herausrücken. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich dystopische Überwachungsszenarien auszumalen.
Wie intime Aufnahmen in Kenia landen
Ende Februar veröffentlichten die schwedischen Zeitungen Svenska Dagbladet (SvD) und Göteborgs-Posten (GP) eine Recherche, für die sie mit der kenianischen Journalistin Naipanoi Lepapa zusammenarbeiteten. Bereits der Titel verdeutlicht die Fallhöhe: „She Came Out of the Bathroom Naked, Employee Says“
Die Eckpunkte:
- Meta nutzt Aufnahmen der Ray-Bans als Trainingsmaterial für seine KI-Systeme.
- Der Dienstleister Sama beschäftigt dafür tausende Menschen, die in Zehn-Stunden-Schichten Videos sichten und annotieren. Sie sollen auch prüfen, ob Metas KI die Fragen der Nutzerïnnen richtig beantwortet.
- SvD und GP haben mit mehr als 30 Content-Moderatorïnnen in Nairobi gesprochen, die unfreiwillig sensible Daten und intime Momente zu Gesicht bekommen.
- Offenbar gibt es Menschen, die es für eine gute Idee halten, die Brillen zu tragen, während sie Sex haben, auf die Toilette gehen, sich umziehen oder mit ihrer Kreditkarte bezahlen. Alles landet auf den Bildschirmen in Kenia.
- Die Datenübertragung lässt sich nur theoretisch deaktivieren – wer nicht zustimmt, kann Metas KI-Funktionen nicht nutzen.
- In den Nutzungsbedingungen heißt es dazu (Hervorhebung von uns): „In einigen Fällen überprüft Meta deine Interaktionen mit KIs, einschließlich der Inhalte deiner Unterhaltungen mit oder Nachrichten an KIs, und diese Überprüfung kann automatisiert oder manuell (durch einen Mitarbeiter) erfolgen.“
- Die beiden schwedischen Medien haben mit Datenschutz-Expertïnnen gesprochen. Sie bezweifeln, dass Metas Vorgehen in Europa legal ist.
- Demnach liegt keine ausreichende Rechtsgrundlage vor, um die Daten in Kenia prüfen zu lassen. Zudem wüssten die meisten Menschen nicht, worauf sie sich einließen.
- Nach Veröffentlichung der Recherche wurde in den USA eine Sammelklage gegen Meta und den Hardware-Partner EssilorLuxottica eingereicht (Futurism). Zudem ermitteln die Datenschutzbehörden mehrerer Länder.
Meta hat die Recherchen nicht dementiert. Wir wollten unter anderem wissen:
- Nach welchen Kriterien werden die Daten ausgewählt und gefiltert?
- Wie lange bleiben die Aufnahmen gespeichert?
- Welche Modelle sind davon betroffen?
- Lassen sich die Verarbeitung auf Meta-Servern und die externe Prüfung deaktivieren, wenn man die KI-Funktionen nutzen möchte?
Darauf ist Meta nicht im Einzelnen eingegangen, sondern hat uns nur eine allgemeine Stellungnahme zugeschickt. Das Unternehmen bestätigt darin, dass Daten bei Drittanbietern landen können. Demnach prüft Meta derzeit die Vorwürfe.
Angeblich versucht man, die Aufnahmen vorher zu filtern, um die Privatsphäre der Nutzerïnnen zu schützen. Das scheint nicht besonders zuverlässig zu gelingen.
Nach allem, was wir wissen, könnten auch Nutzerïnnen in Deutschland betroffen sein. Das neueste Modell, Meta Ray-Ban Display mit integrierter AR-Anzeige und Steuerungs-Armband, ist in Europa bisher nicht erhältlich. Doch auch die ersten beiden Generationen der Meta Ray-Ban nehmen Videos auf und haben KI-Funktionen.
Was Meta plant
Im Laufe des Jahres könnte Meta für seine smarten Brillen der Marken Ray-Ban und Oakley Gesichtserkennung aktivieren. Das berichten drei Reporterïnnen der New York Times.
Auch diese Recherche dementiert Meta auf Nachfrage nicht. Damit bestätigen sich Berichte aus dem vergangenen Jahr, die uns im Mai 2025 zu einem „kleinen Rant über den größten Plattformbetreiber der Welt“ veranlassten.
Besonders pikant ist ein Satz, den die NYT aus einem internen Dokument aus Metas Reality-Labs-Abteilung zitiert. Demnach überlegt das Unternehmen seit mehr als einem Jahr, wie sich die Funktion am besten einführen lässt, die „Sicherheits- und Privatsphäre-Risiken“ mit sich bringe. Mit Blick auf die politische Situation in den USA heißt es darin:
Wir werden in einem dynamischen politischen Umfeld starten, in dem viele zivilgesellschaftliche Gruppen, von denen wir Angriffe erwarten würden, ihre Ressourcen auf andere Anliegen konzentrieren.
In unseren Worten: Die lästigen Linken sind mit Trump und ICE beschäftigt. Lasst uns das nutzen, um ein gruseliges Überwachungssystem einzuführen.
Vor knapp fünf Jahren klang das noch anders. Ende 2021 schaltete Meta seine Gesichtserkennungssysteme ab und löschte die biometrischen Daten von mehr als einer Milliarde Facebook-Nutzerïnnen. Der damalige AI-Chef Jerome Pesenti schrieb dazu:
Es gibt viele Bedenken hinsichtlich des Stellenwerts von Gesichtserkennungstechnologie in der Gesellschaft, und die Regulierungsbehörden sind noch dabei, ein klares Regelwerk für deren Einsatz festzulegen. Angesichts dieser anhaltenden Ungewissheit halten wir es für angemessen, den Einsatz von Gesichtserkennung auf eine eng gefasste Auswahl von Anwendungsfällen zu beschränken.
Ein klares Regelwerk gibt es immer noch nicht. Doch Mark Zuckerberg geht vermutlich zurecht davon aus, dass US-Präsident Donald Trump nichts gegen massenhafte Gesichtserkennung haben wird – im Gegenteil.
Für die US-Regierung könnten die Daten wertvoll sein, um die Überwachung der US-Bürgerïnnen auszubauen. Im Februar beschrieben wir, wie ICE und weitere Behörden Verträge mit Tech-Unternehmen schließen und Technologie nutzen, um einen autoritären Überwachungsstaat mit faschistoiden Zügen aufzubauen.
Eine biometrische Datenbank aus dem Hause Meta wäre ein weiteres mächtiges Werkzeug, das sich die Trump-Regierung einverleiben könnte. Casey Newton ordnet es passend ein (Platformer):
Eine Brille, die deine Freunde erkennt, bedeutete für sich genommen noch nicht das Ende der Privatsphäre, wie wir sie kennen. Doch die Arten und Weisen, wie die Technologie missbraucht werden wird, sind offensichtlich und wahrscheinlich unvermeidlich.
Meta von 2021 wusste das. Meta von 2026 bereitet sich – wie schon so oft während Trump 2.0 – darauf vor, einen großen Rückschritt zu machen.
Be smart
Trotz aller Datenschutzbedenken ist die Nachfrage gewaltig. Vergangenes Jahr verkaufte Meta mehr als sieben Millionen Exemplare der Brillen – mehr als dreimal so viele wie in den beiden Vorjahren zusammen. Kürzlich berichtete Bloomberg, dass Meta die Produktionskapazitäten bis Ende 2026 auf bis zu 30 Millionen Exemplare pro Jahr ausbauen könnte.
Diese Zahlen bestätigt Meta zwar nicht, teilt aber mit, dass man im vergangenen Jahr „signifikante Nachfrage“ gesehen habe, die über das hinausging, was man liefern konnte. Meta sei äußerst optimistisch und sehe einen großen Markt für die Brillen.
20–30 Millionen Exemplare pro Jahr entsprächen etwa dem iPhone im dritten Jahr. Das wäre kein Gadget für Early Adopter mehr, sondern ein Produkt für den Massenmarkt. John Gruber merkt dazu an (Daring Fireball):
Im Jahr 2009 habe ich ständig iPhones in der echten Welt gesehen. In den vergangenen Monaten ist mir nur ein einziger Typ aufgefallen, der die Meta Ray-Bans getragen hat. Das ist natürlich rein anekdotische Evidenz, und es ist möglich, dass ich an mehr Leuten vorbeilaufe, die diese Brillen tragen, als mir bewusst ist – schließlich sollen sie ja wie ganz normale Ray-Bans aussehen. Ich glaube nicht, dass sie annähernd das Wachstum des frühen iPhones aufweisen (…).
Wir hoffen, dass Gruber recht behält. Falls nicht, könnten sich Apps wie Nearby Glasses als digitale Notwehr eignen. Die App warnt, wenn sich Brillen der Marken Ray-Ban, Oakley und Snap in der Nähe befinden. Sie ist im Google Play Store und auf GitHub verfügbar.
Dort schreibt der Entwickler Yves Jeanrenaud:
Ich halte Smart-Glasses für einen unerträglichen Eingriff in die Privatsphäre, ein die Zustimmung missachtendes, schreckliches Stück Technologie, das bereits dazu verwendet wird, vielfältige und Unmengen an gleichermaßen wahrhaft ekelerregenden „Inhalten“ zu produzieren.
Datenbrillen wurden bereits für die sofortige Gesichtserkennung eingesetzt und könnten diese Funktion bald standardmäßig integrieren. Das bringt viele Menschen in Gefahr. Die Daten werden zum Trainieren von KI verwendet, was bedeutet, dass Menschen die Aufnahmen sichten und wahrscheinlich sehr intime Einblicke erhalten werden.
Ich hoffe, dass diese App für jemanden nützlich ist.
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Politics & Power
- Anthropic klagt gegen die US-Regierung: Die Firma hinter Claude wehrt sich juristisch gegen die Einstufung als Sicherheitsrisiko durch das Pentagon. Hintergrund ist ein Streit darüber, ob und wie Claude militärisch genutzt werden darf. (heise)
- Wenn der Krieg zum Meme wird: Wir haben uns in den vergangenen 14 Monaten bereits unweigerlich daran gewöhnt, dass über die offiziellen Kommunikationskanäle des Weißen Hauses immer wieder ausländerfeindliche Memes verbreitet werden. Was die Trump-Regierung nun aber beim Iran-Krieg auffährt, hat eine neue Dimension. (Washington Post)
Attention Economy
- Bluesky sucht neue:n CEO: Jay Graber hat verkündet, den Chefposten bei Bluesky zu räumen. Es sei der Punkt gekommen, die Geschäftsführung an jemanden abzugeben, der sich damit auskenne, Produkte zu skalieren. Ihre Expertise sei es, Produkte zu bauen. Die werde bei Bluesky auch weiter zum Tragen kommen – in ihrer neuen Rolle als Chief Innovation Officer. Interimsweise übernimmt Toni Schneider, ex-CEO von Automattic (dem Mutterhaus von Wordpress). (Blogpost, Toni Schneider, WIRED)
- Wenn Sprache nicht reicht: LeCun baut KI, die die Welt versteht: Das von Metas ehemaligem KI-Chefwissenschaftler Yann LeCun mitgegründete Pariser Startup Advanced Machine Intelligence (AMI) hat mehr als eine Milliarde Dollar eingesammelt, um sogenannte KI-Weltmodelle zu entwickeln, die physische Zusammenhänge verstehen sollen. LeCun, der Meta im November 2025 verlassen hatte, hält das Skalieren großer Sprachmodelle für einen Irrweg zur menschlichen Intelligenz und will mit AMI zunächst Industriepartner wie Toyota und Samsung beliefern, bevor ein universelles Weltmodell entstehen soll (WIRED). Ganz ehrlich: Wir haben noch nie darüber nachgedacht, ein universelles Weltmodell zu bauen. Wir denken einfach zu klein.
- Rat ohne Zustimmung: Grammarlys KI-Funktion „Expert Review" gibt Nutzer:innen Feedback zu ihren Texten. So weit, so normal. Das Problem: Das Feedback wird dabei namentlich echten Journalist:innen und Redakteur:innen zugeschrieben – darunter etwa Margaret Sullivan, Nilay Patel und Mark Gurman – obwohl keine dieser Personen der Nutzung ihres Namens zugestimmt hat. (NiemanLab, The Verge)
Trends & Beobachtungen
- Lohnt es sich, exklusiv auf einer Plattform zu publizieren? Kommt auf den Deal drauf an. Eine Untersuchung zeigt, dass Podcaster, die exklusiv für Netflix arbeiten, deutlich weniger Wachstum bei YouTube verzeichnen. (Bloomberg)
- Engagement bricht ein: Eine Studie zeigt, dass das Engagement bei Instagram, LinkedIn und Threads 2025 ziemlich eingebrochen ist. Geht es euch auch so? (Social Media Today)
Wir beobachten seit dreizehn Jahren, was Plattformen mit unserer Öffentlichkeit machen. Was als Blog angefangen hat, zählt heute über fünftausend Mitglieder – weil sie verstehen wollen, was die Entscheidungen von Meta, Google und OpenAI für unsere Gesellschaft bedeuten.
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