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9 Min. Lesezeit Medienwandel

Reuters Trend-Report: Was im Medienjahr 2026 wirklich wichtig wird

KI und Creators bedrohen die Existenz von Verlagen und Sendern. Doch beide Trends bieten auch Chancen für besseren Journalismus.

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In der heutigen Ausgabe besprechen wir:

  • Warum "Google Zero" näher rückt als gedacht und organischer Google-Traffic in den USA bereits um 38 Prozent eingebrochen ist
  • Welche doppelte Bedrohung Medien existenziell gefährdet und wie KI plus Creators einen Teufelskreis aus Relevanzverlust auslösen
  • Warum Social Media und Chatbots kein Ersatz sind und ChatGPT nur 0,02 Prozent des Publisher-Traffics liefert
  • Was Medien radikal ändern müssen und warum SEO-Fokussierung "die Maschine füttert, die uns gerade zerstört"
  • Warum Menschen Menschen folgen, nicht Maschinen – und die Community-Ära für menschliche Bindungen die größte Chance bietet

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Was ist

38 Prozent. Diese Zahl taucht zweimal im Bericht „Journalism, media, and technology trends and predictions 2026“ auf, den das Reuters Institute der Universität Oxford vergangene Woche veröffentlicht hat:

Das sind zwei der zentralen Ergebnisse des Trend-Reports von Nic Newman. Beide sollten Menschen aufrütteln, die in der Medienbranche arbeiten. „Google Zero“ ist kein fiktives Bedrohungsszenario, sondern könnte bald Realität werden.

Der Bericht enthält viele Zahlen und Vorhersagen, die einen Angst und Bange werden lassen können. Der eine Teil des Publikums holt sich Nachrichten über KI-Systeme, der andere wandert zu Creators ab. Das wirft existenzielle Fragen auf.

Die Entwicklungen bieten aber auch große Chancen für Medien. Generative KI kann helfen, mehr Menschen mit besserem Journalismus zu erreichen. Die Creator-Economy ist nicht nur eine Bedrohung, sondern zeigt auch, wie wichtig Persönlichkeit und Nähe sind. Davon können sich Verlage ein bis drei Scheiben abschneiden.

Der Trend-Report im Überblick

Die Datengrundlage

Die doppelte Bedrohung

„Google Zero“ rückt näher

Das ist der ultimative Verrat. Seit 20 Jahren haben wir Google dabei geholfen, zur führenden Suchmaschine zu werden, indem wir ihnen erlaubt haben, unsere Seiten zu indexieren und unsere Inhalte für den Aufbau ihrer Suchmaschine zu nutzen. Wir haben das getan, weil Google uns im Gegenzug versprochen hat, alle Nutzer, die nach uns suchen, auf unsere Seiten weiterzuleiten.
Doch nun hat Google diesen Vertrag auf die denkbar schädlichste Weise gebrochen. Jetzt nutzen sie ihre marktführende Position aus, um die Nutzer von den Publishern wegzulocken, während sie gleichzeitig weiterhin unseren Journalismus nutzen, um ihre KI zu trainieren. (…)
Es ist ein Dolchstoß. Man kann es nicht anders beschreiben. Es ist so unehrlich, so bösartig – es macht mich rasend.
Was ich als Medienanalyst beobachte, ist Folgendes: Je mehr wir uns derzeit auf SEO konzentrieren, desto schlimmer wird die Situation. Wir füttern die Maschine, die uns gerade zerstört.
So schmerzhaft es auch sein mag, sehe ich daher keinen anderen Weg, als Google Search (und all die anderen KI-Engines) zu blockieren. Wir müssen aufhören, sie mit unserem Journalismus zu füttern.

Social und Chatbots sind kein Ersatz

Was das bedeutet

Be smart

Medien müssen sich die Erfolgsstrategie von Creators abschauen. Menschen folgen Menschen. Je mehr synthetische Inhalte das Netz fluten, desto größer wird die Sehnsucht nach Persönlichkeit und Authentizität.

Wired will seine Autorïnnen in „Platform Personalities“ verwandeln. Auf der Homepage der New York Times sieht man die Köpfe ihrer Korrespondentïnnen. Der Economist, der jahrelang auf Autorenzeilen verzichtete, stärkt einzelne Personen über Podcasts und Newsletter.

76 Prozent der Befragten sagen, dass die Journalistïnnen ihres Mediums „ein wenig wie Creators“ arbeiten sollten. Die Hälfte möchte mit Creators kooperieren, ein Drittel ist offen, Creators anzustellen.

Das birgt Risiken. Wenn Verlage einzelne Personenmarken etablieren, können diese einfach abwandern und ihre Follower mitnehmen. Wir glauben, dass es trotzdem alternativlos ist. Die Zeit, in der sich Medien auf die Macht ihrer Marke verlassen konnten, ist vorbei.

Im November schrieb Sebastian Esser als Gastautor bei uns über die Community-Ära. Sein Appell hat nicht an Aktualität verloren – im Gegenteil:

Für mich ist die neue Ära auch eine Chance für Community-Medien. Der Weg gabelt sich. Menschen und Maschinen gehen in verschiedene Richtungen. Meiner Meinung nach spricht viel dafür, dass Menschen eher den Menschen folgen werden, nicht den Maschinen. (…)
Für menschliche Creators, die weiterhin mit ihren Inhalten Geld verdienen wollen, dagegen beginnt die Community-Ära. Je weniger Plattformen funktionieren, desto mehr setzen Creators und Medienhäuser auf Kanäle, die sie selbst kontrollieren: Newsletter, Podcasts und eigene Community-Plattformen, finanziert durch Mitgliedschaften.
In einer künstlichen Welt sind „echte“ menschliche Bindungen in unabhängigen Netzwerken ein wertvolles Gut. Verbindung, Vertrauen und Loyalität sind zutiefst menschliche Eigenschaften, anthropologische Konstanten. Wir sind soziale Wesen, und das wird uns auch der noch so manipulative AI-Slop nicht abtrainieren können.

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Über den Autor
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Simon Berlin befasst sich seit einem Jahrzehnt mit Künstlicher Intelligenz. Inzwischen tun das alle – aber er war dabei, bevor es cool wurde. Er schreibt für die Süddeutsche Zeitung und das Social Media Watchblog. LinkedInBluesky

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Martin Fehrensen hat das Social Media Watchblog 2012 ins Leben gerufen und ist seit 2019 hauptberuflich Herausgeber und Autor. Zuvor arbeitete er für das ZDF und „Der Spiegel“. LinkedIn | Bluesky